Dazu sei vielleicht gesagt, dass allen meinen Geschichten ein Traum zugrunde liegt. Und... ja, vielleicht ein wenig Kitschgefahr.
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Das Schwarze Auge - Madamal und Praiosscheibe
- Eine Kurzgeschichte -
- Eine Kurzgeschichte -
Zwei Götterläufe war es her, seit ihr Bruder in der Schlacht gefallen war. Sicherlich, für die gute Sache und für die richtige Seite hatte er gekämpft. Doch nun war sie allein, hatte niemanden mehr, außer sich selbst. Es war Herbst geworden in Aranien. Zorgan glitzerte rötlich im Abendlicht der Praiosscheibe. Der Rosentempel war belebt, wie eh und je. Doch in der jungen Frau war es ruhig. Seit er fort war, war alles ruhig, nichts war mehr so, wie es einst gewesen. Sie war eine Rahja-Geweihte, sollte dem Leben die glücklichsten Momente abgewinnen, doch in ihr war es still. Tot.
Früher, als die Zeiten für sie und ihren Bruder noch anders gewesen war, als er noch bei ihr gewesen war, da hätte sie sich gewehrt, sie hätte abgelehnt, einfach, um in seiner Nähe bleiben zu können. Jedoch, heute war es ihr egal, es spielte keine Rolle, dass sie auf Wanderschaft geschickt wurde. Eine ältere Schwester sollte sie begleiten, die – wohl um zu sterben, ein so hohes Alter hatte sie schon erreicht – zu ihrer Familie nach Al'Anfa gebracht werden sollte. Alleine sollte sie den langen Weg nicht gehen, so dass eine von ihnen ausgewählt wurde, mit ihr zu ziehen. Und diejenige war nun mal sie selbst. Es gehörte zu ihren glücklichsten Momenten, wenn niemand merkte, wie sehr sie innerlich schon verstorben war. Und das war auch besser so, stand doch ihre Berufung als Rahja-Geweihte für Lebensfreude und nicht für den Tod, die Stille – immerhin war sie keine Boron-Geweihte. Besser so...
„Shaya, es ist an der Zeit. Das Madamal steht bald am Firmament“, holte sie die Stimme der alten Schwester aus ihren traurigen Gedanken. Wie, um jene Gedanken ganz abzulegen, schüttelte sie schnell den Kopf, ehe sie mit einem – wohl falschem – Lächeln auf den Lippen zu der Alten blickte.
„Natürlich, die Karawane wird uns schon erwarten“, sprach die junge Geweihte und ließ die alte Frau sich bei ihr unterhaken.
Gemeinsam beschritten sie schweigend und lächelnd den kurzen Weg bis zum Treffpunkt. Und tatsächlich, der Karawanenführer sah sich schon nervös nach den beiden Frauen um. Auch er trug ein falsches Lächeln, wie Shaya es sogleich erkannte, auf den Lippen. Doch das sollte keine Rolle spielen. Solange er sie sicher nach Al'Anfa brachte, war ihr die Reisegesellschaft egal. Und dass er sie beide abliefern würde, stand außer Frage, bekam er seinen Lohn doch erst vom Rahja-Tempel in Al'Anfa.
„Beeilt euch, beeilt euch. Noch bevor die Dunkelheit über das Land zu ziehen vermag, sollten wir die Stadttore passiert haben“, sprach er hektisch und geleitete Shaya und die Alte zu eine der Kutschen, welche die beiden auch sofort bestiegen.
Die Alte setzte sich entgegen der Fahrtrichtung, auch wenn Shaya ihr die Wahl gelassen hatte. Doch wollte sie nicht meckern, wurde ihr doch immer schlecht, wenn sie rückwärts zur Fahrtrichtung saß.
Und die Alte lächelte sie wieder an, als wüsste sie, was tief in ihrer Seele verborgen lag. All der Kummer, all der Schmerz, all die Dunkelheit. Dieses wissende Lächeln, welches für Shaya erst in jenem Augenblick erkenntlich wurde. Doch sie würde sie nicht darauf ansprechen, würde lieber in traurigem Schweigen verharren, als über all die Qualen zu sprechen, die sie durchlitten hatte.
Es sollte eine holprige Fahrt werden...
Der Rausch dauerte nun schon wieder länger, als er es eigentlich der Fall sein sollte, doch er verdrängte den Gedanken daran, verdrängte die allmählich in ihm wachsende Erkenntnis, dass es nun schon zur Gewohnheit geworden war, etwas mehr von dem Rauschkraut zu sich zu nehmen, als es für die Anhänger seines Kultes üblich war.
Seit drei Tagen war er nun schon in der Einöde unterwegs. Und er hatte noch nicht einmal die Hälfte der Wegstrecke hinter sich gebracht. Doch sein Auftrag hatte keine Eile. Früher oder später würde er den wunden Punkt des Alanfaner Ritus schon erkennen, da kam es auf drei oder vier Tage nicht an. Seine Brüder hatten es nie sonderlich eilig gehabt und das würde sich auch nicht ändern. Boron-Geweihte waren keine Hektiker. Er genoss es, die Einsamkeit, die Einöde, den Rausch. Zu sehr genoss er es. Man könnte fast von ihm denken, dass er ein Anhänger des Rahja-Kultes war, so sehr genoss er seinen Rausch. Und nur Boron selbst wusste, dass er vom Weg seiner Bestimmung wahrlich sehr weit schon abgekommen war. Doch nicht heute Nacht wollte er darüber nachdenken, heute wollte er seinen Plan ausarbeiten.
Das Madamal stand schon hoch am Horizont, als er mit hochgezogener Augenbraue aufblickte. War das nicht Metall das auf Metall traf, immer und immer wieder? Leise trat er das Feuer aus, schlich mit seiner wenigen Habe in das Gebüsch. In einen Karawanenüberfall wollte er sich nun wahrlich nicht einmischen. Sein Auftrag würde gefährdet, sollte er verletzt werden.
„Schwester, beeil dich, sonst treffen sie dich. Sie sind nicht hinter uns her, nun steig schon aus der Kutsche“, hörte er eine Frauenstimme, verzweifelt, flehentlich.
Seine Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt, so dass er die rot durchscheinenden Roben der Rahjaha gut erkennen konnte.
Nun musste er eingreifen, keine andere Wahl hatte er. Sie war eine Geweihte einer der zwölf Götter und schwerlich konnte er sich vorstellen, dass Boron solch einen traurigen Tod für eine Rahja-Geweihte vorgesehen hatte. Doch es kam noch schlimmer, als eine alte Frau aus der Kutsche stieg, die sich ebenfalls als Rahjaha herausstellte. Doch dieses Lächeln auf ihren Lippen irritierte ihn für einen Augenblick. Merkwürdig, dachte er bei sich, dies ist kein Lächeln des Genusses, kein Lächeln der Freude, ein Lächeln des Wissens. Jedoch hatte er schnell wieder seine Sinne gesammelt, so dass er seinen Dolch aus der Scheide nahm und sich langsam zu den beiden Frauen stahl. Seine schwarze Kutte tat ihr übriges dazu, dass er nicht entdeckt wurde.
„Kind, sorge dich nicht, es wird alles gut“, sagte die Alte, als Shaya einen leichten Luftzug hinter sich spürte.
Schlagartig versteifte sich ihr Körper in Erwartung eines Angriffs der Räuber. Doch nichts geschah, sekundenlang war nur das Rauschen des Windes zu hören.
„Blickt euch nicht um, geht langsam zu dem Gebüsch, seid still, redet nicht“, flüsterte eine teife männliche Stimme, doch obwohl es nur ein wispern war, erschien es Shaya mehr, wie ein Befehl, denn eine Bitte. Shayas Nackenhaare hatten sich aufgestellt, so sehr kitzelte diese Stimme an ihrer Seele. Jedoch, andere Sorgen hatte sie in jenen Sekunden wahrlich.
Und während die Alte nur wissend zu der Gestalt hinter Shaya blickte, bot Shaya ihr den Arm an. Sie wollte nicht, dass die Alte stolperte, deren Namen sie nicht einmal kannte. Niemand im Tempel kannte ihn.
Langsam, schweigend und ohne zu zögern, begaben sie sich zu dem Gebüsch, welches ihnen am nächsten lag. Schon wähnte sich Shaya in Sicherheit, als ein stechender Schmerz zwischen ihren Rippen losbrach, der sie zusammensacken ließ. Dann ein Schrei – wohl von der Alten – sie hörte Klingen sich kreuzen. Doch als sie versuchte zu erkennen, was um sie herum geschah, schien sich ein Schleier vor ihre Augen zu legen, der ihre Sicht vernebelte. Ihre Beine gaben nach und dann war es Nichts.
Verdammt, bei Rondra, warum hatte er es nicht kommen sehen? Nun lag die Rahjaha blutend am Boden und er konnte ihr nicht helfen, da er immer noch damit beschäftigt war, Boron ein Geschenk in Form von zwei Räubern zu machen. Und was tat die Alte? Sie stand, wie gelähmt an Ort und Stelle, schien sich nicht rühren zu können. Starrte nur auf den leblosen Körper ihrer schönen Schwester, während ihre Hände zitterten.
Es schien eine halbe Ewigkeit vergangen, ehe er die zwei Räuber zumindest soweit beschäftigt hatte, dass sie sich zurückzogen. Der Raubzug war wohl vollendet, so dass es nun nicht mehr lohnte, seine Gesundheit hier weiter aufs Spiel zu setzen. Er war wahrlich erleichtert. Auch nach diesem Vorfall konnte – und wollte? - er sich nicht vorstellen, dass Boron solch ein Ende für sie geschrieben hatte. Nicht für eine Rahjaha, nicht mitten im Nirgendwo. Zu jung war sie.
Er scherte sich nicht darum, was die Räuber sich genommen hatten, genauso wenig scherte er sich um die Räuber an sich. Es war nicht seine Angelegenheit und würde es auch nicht werden.
Schnell wand er sich der unbekannten Schönen zu, die noch verbluten würde, wenn nicht bald etwas geschah, was einem Wunder gleichkam.
Nun schien auch die Alte so langsam wieder zur Besinnung zu kommen, denn sie kniete sich neben ihre Schwester und legte ihr ein Stück Stoff ihrer Robe, welches sie wohl abgerissen haben musste, als er es nicht bemerkt hatte, auf die klaffende Wunde. Es dauerte keine zehn Sekunden, da druchtränkte die dunkelrote Farbe von frischem Blut den sanften Stoff, so dass er nicht länger in seinem rosenrot strahlte.
„Oh, Tsa, lass ein Wunder geschehen“, murmelte die Alte immer und immer wieder, während er seinen Tuchbeutel nach seinen Kräutern durchsuchte. Hoffentlich hatte er nicht alles seiner Sucht hingegeben, dachte er, ohne zu bemerken, dass die Erkenntnis schon in sein Bewusstsein vorgedrungen war.
Ein dunkler Raum, nur mäßig erhellt von sanftem Fackelschein. Niemals zuvor war sie hier gewesen, doch wusste sie sogleich, wo sie sich befand. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch dann sah sie ihn. In einer schwarzen Kutte verhüllt, so dass sie nicht einmal sein Gesicht erkennen konnte, stand er vor einem gleißenden Licht, welches sie beinahe schon an einen Fluss erinnerte. Boron. Sie war gestorben, war ihrem Bruder gefolgt. Sollte sie nun glücklich sein? Sollte sie nun hoffen, ihn bald wieder zu sehen?
„Nein“, sprach eine tiefe, männliche Stimme sanft.
„Das ist mein Urteil“, sprach Boron weiter.
Keinen Gedanken verschwendete sie daran, dass sie gerade mit einem Gott sprach, sie realisierte es nicht einmal. Vielmehr machten ihr seine Worte sorgen. Mehr Frage als Antwort waren sie.
„Kehre zurück in die Welt der Lebenden. Dein Schicksal ist mit seinem verwoben. Nur du kannst ihn retten“, hörte sie die Stimme, doch sie wurde immer leiser, der Raum um sie herum verschwamm immer mehr, alles begann sich zu drehen und dann war es wieder da, das Nichts.
„... Nur du kannst sie retten“, sprach die Göttin, sanft und schön. Rahja sprach tatsächlich zu ihm, wo er doch alldem sein Leben lang entsagt hatte, wofür sie stand. Oder war es doch nur ein Traum? Es musste einer sein, denn keine drei Sekunden später fand er sich am Lagerfeuer wieder, welches er für sich und seine beiden unfreiwilligen Begleiterinnen entzündet hatte. Der Schein des Lichtes blendete ihn für einige Sekunden, ehe er erkannte, dass die verletzte Rahjaha saß. Sie war aufgewacht. Boron sei Dank, er hatte ein gnädiges Urteil gefällt.
„Wie geht es Euch“, sprach er und es kam ihm überaus merkwürdig vor, seine eigene Stimme zu hören, hatte er doch schon sein Monaten kein einziges Wort mehr über die Lippen gebracht.
Als er sich aufrichtete, versuchte er das Schwindelgefühl, welches mit seinem Kater einherkam, zu ignorieren, wollte er doch nicht zeigen, wie verletzlich er derzeit war.
„Shaya“, sagte sie, doch er konnte es nicht einordnen.
Sie musste es erkannt haben, denn mit einem Schmunzeln auf den Lippen ergänzte sie: „Shaya, mein Name.“
Er hingegen nickte nur. Nicht soviel sprechen, sagte ihm der aufkommende Halsschmerz. Seine Stimmbänder mussten erst langsam wieder daran gewöhnt werden, gereizt zu werden.
Erst jetzt realisierte er die Tiefe ihrer Augen, drohte beinahe in ihr zu versinken, ehe er sich auf seine Prinzipien besann. Keine Frauen, das hatte er sich nach dem Tod seiner Gefährtin im letzten Krieg geschworen.
„Wo ist die Karawane?“ sprach sie nach endlosen Sekunden des Schweigens mit einer Stimme, wie aus Samt.
„Tot“, war hingegen nur seine einsilbige Antwort. Noch immer kratzte seine Stimme mehr, als dass sie wirklich Töne von sich gab.
„Oh“, bedrückt schien sie auf einmal und er hatte den Drang, sie in irgendeiner Art und Weise aufzuheitern. Nur wie? Und warum?
Rosenduft lag in der Luft, sie konnte es genau riechen. Als sie den Verband der Alten abgenommen hatte, war da keine Wunde mehr gewesen – Wunder Nummer eins. Und nun lag der Geruch Rahjas in der Luft, wie ein lieblicher Rosengarten im Frühling, wo es doch Herbst war – Wunder Nummer zwei. Boron und Rahja, zwei Wunder, so kurz hintereinander, dass es Shaya mehr als nur verwirrte. Und dann die Tatsache, dass ihr dieser Boron-Geweihte, der sie und die Alte, die schon geschlafen hatte, als Shaya erwacht war, augenscheinlich gerettet hatte, nicht ein Fünkchen Angst einjagte, wo sie doch sonst immer einen Heidenrespekt und wahrlich schon eine Spur Furcht verspürt hatte, sobald einer dieser Schwarzkuttenträger auch nur in Sichtweite gekommen war. Und nun, nichts als Dankbarkeit, Faszination... Zauber?
Shaya schüttelte den Kopf, um ebendiesen wieder frei von solch absurden Gedanken zu bekommen.
„Hunger?“, fragte der Geweihte einsilbig, wie es Shaya nicht anders erwartet hatte und sie nickte.
„Ein wenig“, antwortete sie, die Tatsache verdrängend, dass sie gerade dem Tod entronnen war, der dafür jedoch ihre Begleiter gefunden hatte.
Ein Rabe flog über ihre Köpfe hinweg, rief laut nach seinen Gefährten und Shayas Versuch glitt ihr immer mehr aus den Händen. Doch dieser Duft, wie in einem Frühlingsrosengarten...
Es roch merkwürdig. Es roch so, wie es an diesem Ort, zu dieser Zeit nicht riechen sollte. War das nicht Rosenduft, der in der Luft lag? Und dieser Rabe, der sicher nicht gekommen war, um die Seelen der unglücklich Verstorbenen zu holen – denn dies hatte er schon vor Stunden getan. Diese Nacht schien vor Merkwürdigkeiten nur so zu strotzen. Es lag eine Energie in der Luft, die ihm beinahe schon unheimlich war. Und es war nicht das Feuer, das so sehr knisterte.
Erst ein Husten, welches wahrlich nicht gesund klang, holte ihn aus seinen Gedanken. Schnell legte er den abgeknabberten Hühnchenknochen aus seinen Händen und eilte, wie auch Shaya es tat, zu der Alten. Ihr schien es nicht gut zu gehen, lange würde sie Borons Rufen wohl nicht mehr widerstehen können. Warum war sie in ihrem Alter noch auf solch gefährlichem Pflaster unterwegs?
Shaya reichte ihr Wasser. Sie war so fürsorgend, so liebevoll, wie seine einstige Gefährtin es als Boron-Geweihte niemals hätte sein können. Shaya rührte wahrlich sein Herz, wie es noch nie ein Mensch zuvor getan hatte. Hatte sie das nicht schon getan, als er sie das erste Mal erblickt hatte? Hätte er bei einer anderen Person wirklich Borons Urteil in Frage gestellt?
Verwirrt schüttelte er den Kopf und reichte der Alten ein paar von seinen Rauschkräutern. Jedoch sollte es sie nicht berauschen, sondern beruhigen, was es in geringen Dosen durchaus auch konnte. Doch sie schüttelte nur missmutig den Kopf.
„Meine letzten Atemzüge werden klarer sein, als alle jemals zuvor. Kein Rauschkraut, keine Beruhigung ist von Nöten. Mit klarem Geist will ich Boron gegenübertreten“, sagte sie leise und dann deutete sie Shaya an, näher zu kommen. Aus Respekt vor ihrer Privatssphäre zog er sich langsam zurück. Wahre Worte hatte die Alte da eben gesprochen. Sollte es nicht jedermanns Ziel sein, mit klarem und nicht mit vernebeltem Geist, dem Herrn des Todes gegenüberzutreten?
Stille Tränen rannen über ihr Gesicht, doch versuchte sie zu schlafen. Sie wollte nicht daran denken, was soeben geschehen war. Nur kurzatmig kamen die letzten Worten der Alten über ihre Lippen, ehe ihr ihr Atem endgültig versagt blieb. Und wieder war es jene wissende Lächeln, welches sodann ihr totes Gesicht zierte und für immer zieren sollte. Der Geweihte des Todes hatte sie mitgenommen, hatte nur gesagt, dass er ihr eine ehrwürdige letzte Ruhestätte schenken würde. Und Shaya hatte nur genickt, hatte nicht die Kraft gehabt, ihn zu begleiten, sie zu begraben. Und dabei hatte sie sie kaum gekannt, nicht einmal ihren Namen. Der Geweihte hatte nur milde gelächelt, als er sie nach dem Namen der Alten gefragt hatte und sie keine Antwort darauf gewusst hatte. Und dann fiel ihr ein, dass sie auch seinen Namen gar nicht kannte.
Shayas Gedanken verschmolzen immer mehr zu einer trüben Masse, als der Schlaf über sie fiel. Später konnte sie nicht mehr sagen, was sie geträumt hatte und ob überhaupt. Vielleicht war das in Anbetracht der Ereignisse dieser Nacht, auch besser so. Für sie und ihre Nerven.
Erst ein sanfter Windhauch, der ihre Stirn streifte, weckte sie. Doch als sie die Augen aufschlug, bemerkte sie, dass es nicht der Wind war, der ihre Stirn geküsst hatte.
Seine Augen waren von einem sanften grün und blickten tief in ihre Seele, als er leise flüsterte: „Lucan, mein Name ist Lucan.“