Berlin (3/?)

Geschichten, Gedichte, philosophische Abhandlungen, Fanfictions, Songtexte, Songs, Bandvorstellungen, Demos, Graphiken, Photos, Zeichnungen & Malereien
Antworten
Benutzeravatar
Tjeika
Projektleitung
Beiträge: 66900
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 20:56
Aftermath: Shadi Ké-Yazzi Begaye
Einherjer: Keðja Grimnirsdottir
Klaue der Goldenen Schildkröte: Huỳnh Luân Ngọc
AE.I: Nhia Tsuajb
Ascalon: Phyleira Kelaris & Alakti
Das Erbe der Götter: Svara
Kampf um Choma: Shaya, Eza & Noyan
Scyta: Shira Aslani
Abwesend: Sonnabend - Montag
Wohnort: Midgard
Kontaktdaten:

Berlin (3/?)

Beitrag von Tjeika »

Ich habe heute festgestellt, dass ich zwar schon einen Haufen Geschichten und Kurzgeschichten geschrieben habe, jedoch keine von ihnen im wunderbaren Berlin spielt. Daher auch die Idee, eine Art Reihe zu schreiben. Jeweils eine genau 1000-Worte umfassende Kurzgeschichte. Sie werden nur lose etwas miteinander zu tun haben, jedoch einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Wer diese findet, kriegt nen Keks ;)
Hier nun der erste Streich.


1. Berlin - Sushi und Vergebung
2. Berlin - Regenbogenzauber

3. Berlin - Irren ist menschlich

Berlin - Sushi und Vergebung
Berlin war eine großartige Stadt. Das war sie eigentlich schon immer gewesen. Hier fand sich alles, was das Herz begehrte. Und ein Nachtleben, welches seinesgleichen suchte.
Grau war die Wolkendecke, die über der Stadt thronte. Alles, war wie immer. Grau und dennoch nicht trostlos. Das Leben pulsierte in der Stadt, wenn es nicht gar die Stadt selbst war, die lebte. Es war Berlin.
"Zurückbleiben, bitte", schallte es aus den Lautsprechern der Berliner S-Bahn.
Eilig sprang die braunhaarige Urberlinerin in den Zug, gerade noch rechtzeitig, ehe die Türen sich geschlossen hatten. Stickig und viel zu voll war es hier drinnen. Doch daran hatte man sich längst gewöhnt. Wild durcheinander sprachen die Stimmen der Fahrgäste, so dass man die einzelnen Gespräche kaum auseinander halten konnte.
"Nächster Halt: Hackescher Markt", sprach eine männliche Stimme aus den Lautsprechern.
"Hallo", hörte sie keine zwei Sekunden später eine leise Stimme nahe an ihrem Ohr, so dass sie erst erschrocken zusammenfuhr und sich dann - soweit es das Gedränge zuließ - zum Ursprung der Stimme herumdrehte.
Er war älter geworden, wahrlich, dennoch erkannte sie ihn. Fünf Jahre hatten sie sich nicht gesehen, fünf Jahre in denen zumindest in ihrem Leben eine Menge geschehen war.
"Hey, wie geht es dir?", fragte sie etwas zu überschwenglich.
Ja, sie freute sich wahrlich ihn zu sehen. Etwas seltsam war es dennoch.
"Kommst du mit auf einen Kaffee?", stellte er die Gegenfrage, ohne näher auf die Ihre einzugehen.
Sie nickte nur.

Der Markt am Bahnhof Hackescher Markt war gut besucht, wie eigentlich immer. Sie hatten leichte Schwierigkeiten gehabt, durch die Menge hindurch zu kommen. Doch schließlich waren sie am Kotobuki Sushirestaurant vorbei und sie blieb stehen. Sie liebte Sushi. Widerstehen war schwer.
"Appetit auf Sushi?", fragte eine amüsierte Stimme neben ihr und keine drei Sekunden später steuerte ihr alter Klassenkamerad auf den Eingang zu.
Schulterzuckend folgte sie ihm, nicht, dass sie etwas gegen die kleine Planänderung einzuwenden hatte.
"Guten Tag", hörte sie die Stimme des Kochs in gebrochenem Deutsch. Ob er wirklich Japaner war oder doch ein Vietnamese, wie viele es vermuteten, konnte man schwer feststellen. Es spielte letztlich auch keine Rolle.
Schweigend setzten sie sich. Es war leer. Noch nie hatte es die Braunhaarige erlebt, dass hier irgendein Besucher war. Vielleicht wurde der Laden ja wirklich zur Geldwäsche benutzt, wie viele ihrer Freunde und auch sie selbst es vermuteten. Doch das Essen war gut, das konnte keiner von ihnen leugnen.
"Was kann ich Ihnen bringen?", sprach der Japaner - oder Vietnamese - sie beide in seinem einigartigen Deutsch an.
"Sake Maki für mich bitte", antwortete sie, ohne auf die Karte zu blicken.
"Für mich bitte auch", sagte der junge Mann, der ihr nun gegenüber saß, während er den Blick nicht von ihr nahm.
Während der Koch nach hinten verschwand, versuchte sie ihre Aufmerksamkeit dem Bild hinter ihm an der Wand zuzuwenden. Es war ein Werbeplakat für japanisches Reisbier. Sie erinnerte sich, es hier einmal gekostet zu haben, es hatte widerlich geschmeckt. Die gute Miene, um den Wirt nicht zu beleidigen oder zu verärgern, war ihr damals wahrlich schwer gefallen.
"Wenn wir hier schon einmal so nett beieinander sitzen, können wir uns auch unterhalten", sagte er, der sie die ganze Zeit über angesehen hatte.
Widerstrebend nahm sie den Blick von dem Plakat und wandt ihn ihm zu.
"Ja", eine wahrlich eintönige Antwort, doch was sollte sie sonst sagen? Dass es ihr leid tat?
"Was hast du die letzten Jahre so gemacht?", fragte er munter drauf los, ohne weiter auf ihre Zurückhaltung einzugehen.
"Erst ein freiwilliges soziales Jahr und jetzt studiere ich", sagte sie immer noch recht eintönig. Ganze Sätze wollten heute bei ihr nicht so recht funktionieren. Zu sehr dachte sie darüber nach, wie ihre Entschuldigung letztlich aussehen sollte. Angebracht war sie allemal, nachdem, was damals geschehen war.
"Und was studierst du?", fragte er, sichtlich amüsiert.
"Medizin", wieder nur eine kurze Antwort.
Ihre gedankliche Formulierung der Entschuldigung wurde jäh unterbrochen, als er schallend loslachte.
"Was?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.
"Wenn du hier nicht mit mir sitzen willst, dann sag es doch einfach", sagte er immer noch lachend.
"Das ist es nicht. Ich... es ist damals nicht alles so gelaufen, wie es vielleicht hätte laufen sollen", sagte sie und blickte zu dem Japaner, der die beiden Sake-Gerichte für sie beide nun auf den Tisch stellte.
"Guten Appetit", wünschte er lächelnd und verschwand wieder nach hinten, nachdem sie sich beide bedankt hatten.
"Nein, ist es wohl nicht. Aber nach fünf Jahren sollte Gras über die Sache gewachsen sein, meinst du nicht?", erwiderte er nun wieder etwas ernster als zuvor. Das Schmunzeln hatte er jedoch nicht aus seinem Gesicht verbannen können.
Seufzend griff sie nach den Essstäbchen und tunkte die erste Maki-Rolle in das Wasabi.
"Es tut mir dennoch leid", sagte sie kauend. Und es tat ihr leid.
"Ich weiß. Mir auch. Es hätte anders laufen sollen", erwiderte er und tat es ihr nach.
"Hätte es", sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit.
Schweigen.

Den Rest der Mahlzeit hatten sie schweigend eingenommen. Worüber hätten sie sich auch unterhalten sollten. Zumindest ihr schien es, als wäre nun das gesagt worden, was schon damals hätte gesagt werden sollen.
Noch immer war der Markt gut besucht. Eine sanfte Brise ließ die Tücher eines indischen Standes in der Luft tanzen. Und noch immer war der Himmel über Berlin grau.
"Ja, also", sagte sie unsicher, während sie zu ihm blickte, der gerade aus dem Eingang des Sushi-Restaurants trat.
"Ja?", ein erwartendes Lächeln zierte sein Gesicht.
"Danke für die Einladung", sagte sie und wollte sich gerade zum Gehen abwenden, als seine Hand sich auf ihre Schulter legte.
Irritiert drehte sie sich wieder zu ihm herum. Und dann küsste er sie, ganz genau so, wie er es in den letzten fünf Jahren in ihren Träumen getan hatte, ganz genau so, wie er es früher immer getan hatte. So, wie sie es sich in all den Jahren gewünscht hatte.
"Wenn du wieder ohne ein weiteres Wort verschwindest, dann wird es nicht so einfach", flüsterte er gegen ihre Lippen, ehe er sie erneut küsste.
"Hören Sie, Sir, folgendes... Es geht um meinen Teppich, der das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht hat..."

// The Big Lebowski \\
Benutzeravatar
Siria
Beiträge: 32874
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 22:21
Abwesend: montags und donnerstags
Kontaktdaten:

Re: Berlin (1/?)

Beitrag von Siria »

Ich gehöre ja weniger zu den FF- oder Geschichtenlesern. Und somit auch nicht zu den Reviewern, aber jetzt mußte ich lesen - Berlin. Meine Stadt *g*.
Auch wenn ich seit 15 Jahren dort nicht mehr lebe, so liebe ich noch immer diese Stadt. Leben möchte ich dort allerdings nicht mehr.

Ich habe die ersten Sätze gelesen und war mitten in Berlin, hatte den Geruch der U-Bahn in der Nase, hatte die Stimme der Ansage im Ohr. Das Zuknallen der Türen…

Von mir aus, hätte das Beschreiben von Berlin, aus deiner Sicht weiter gehen können. So lernt man “seine” Stadt durch die Augen anderer kennen, was ich sehr spannend finde. Aber darum geht’s ja eigentlich gar nicht ;)

“Wahrlich” dieses Wort gehört einfach zu dir! Das ist mir hier wieder aufgefallen. Es stört nicht! Aber ich glaube, ich kenne niemanden weiter, der dieses Wort so sehr nutzt wie du! Das ist keine Kritik, sondern einfach eine Feststellung und ich wollte das mal loswerden.

Und noch etwas fällt mir ein. (Sorry, wird wohl ein komisches Review). Du hattest mir mal gesagt, dass sich die Deutschen oft zu unhöflich verhalten.

“nachdem sie sich beide bedankt hatten.” Du gibst Acht darauf, dass sie es nicht sind und das ist gut so! ;)

Ich sollte mal zur Geschichte kommen, nicht wahr?
Sie ist locker, leicht zu lesen. Sie wirkt auf mich beschwingt, nicht bedrückend, auch wenn der Himmel über Berlin noch grau ist.
Das anschweigen schien ihnen nichts auszumachen, es war in Ordnung und nicht peinlich oder unangenehm. Es war keine Kälte zwischen ihnen vorhanden, obwohl es hätte sein können, offensichtlich.
Sie mußten sich sehr gut gekannt haben, denn die Vertrautheit zwischen ihnen, scheint nichts erschüttert zu haben, dies fließt einfach so ein beim Lesen und so was finde ich bemerkenswert. Es steht zwischen den Zeilen und nicht auf ihnen.
Das sie sich am Ende dann doch noch küssen, hätte ich so nicht erwartet, aber wie gesagt, da besteht etwas, was offensichtlich über Jahre gehalten hat. Und das ist etwas besonderes.


So das wars von mir. Ich bin wirklich gespannt auf mehr und würde mich freuen, Berlin noch ein wenig mehr aus deine Augen zu sehen!
:knuff:
Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben. Kurt Tucholsky
Benutzeravatar
Ayrina
Beiträge: 32655
Registriert: Di 12. Mai 2009, 12:36
Einherjer: Raena
Das Erbe der Götter: Zarah; Fidda
Kampf um Choma: Brianna
Scyta: Elena Moreau

Re: Berlin (1/?)

Beitrag von Ayrina »

Hier! Ich! Ich! Ich weiß die Gemeinsamkeit :P Aber das zählt wohl nicht *seufz* (krieg ich trotzdem nen Keks? *liebguck*)

Na egal. Ich kenne Berlin persönlich leider NOCH nicht, aber das ändert sich vielleicht bald :) Spätestens im Januar ;) Man konnte deine Verbundenheit zu der Stadt jedenfalls spüren. Zumindest ging es mir so.

Die Geschichte war toll. Die tiefe Verbundenheit, die Siria schon angesprochen hat, die Umgebeung, du hast für alles das richtige Maß gefunden. Und der Kuss am Ende - ich hab ihn irgendwie erwartet und war dennoch irgendwie überrascht. Wirklich toll. Genial geschrieben und auch echt guter Titel.

Ich bin schon sehr auf die nächsten Werke gespannt und freu mich auf mehr.

Alles Liebe
Deine Rini :knuff:
Riddle

Re: Berlin (1/?)

Beitrag von Riddle »

Da fühl ich mich direkt mies, weil ich wahrlich (das musst jetzt sein :D ) kein großer Mensch des Lobes bin...
Aber deine Geschichten sind IMMER toll... Dein Stil ist einfach toll... deine Figuren toll... ALLES toll ;)
Schon mal bemerkt, was für ein bescheuertes Wort "toll" ist? :D (genai wie fein)
Dann benutz ich mal das gewichtige Wort "großartig", mir fällt halt kein besseres ein -.-
Klingt irgendwie negativ, naja, wie gesagt, ich bin kein "Lober".
Eine schöne Geschichte, ich freu mich schon darauf, zu erraten, was die Gemeinsamkeit(en) zur Fortsetzung ist ;)
Benutzeravatar
Tjeika
Projektleitung
Beiträge: 66900
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 20:56
Aftermath: Shadi Ké-Yazzi Begaye
Einherjer: Keðja Grimnirsdottir
Klaue der Goldenen Schildkröte: Huỳnh Luân Ngọc
AE.I: Nhia Tsuajb
Ascalon: Phyleira Kelaris & Alakti
Das Erbe der Götter: Svara
Kampf um Choma: Shaya, Eza & Noyan
Scyta: Shira Aslani
Abwesend: Sonnabend - Montag
Wohnort: Midgard
Kontaktdaten:

Re: Berlin (1/?)

Beitrag von Tjeika »

Huhu ihr Lieben, nun ist ja doch schon ein wenig Zeit ins Land gestrichen, ohne, dass ich eine Fortsetzung geschrieben habe. Es wird doch wahrlich ( :lol: ) Zeit.
Ich danke euch allen wirklich vielmals für eure Reviews. Besonders überrascht hat mich dein Review, Anna! :knuff: Aber auch euch beiden, Rini und Riddle, möchte ich vielmals danken :knuddel:
Hier geht es jetzt weiter, wieder genau 1000 Worte, wieder in Berlin und wieder mit einer weiteren Gemeinsamkeit zur ersten Geschichte ;)
*Rini einen Keks reich*

Berlin - Regenbogenzauber
Grauer Wolkenhimmel, Morgen für Morgen erwachte sie mit dem gleichen Bild, welches ihr das Fenster bot. Durchnässte Wiese, Hagel und Regen, hektisches Treiben, dunkle Pfützen - ob mit Wasser oder Öl gefüllt. Dies alles spielte sich nun schon seit Wochen, Tag für Tag auf der Danziger Straße ab, welche vor ihrem Fenster lag. Laut klopfte der Regen an ihr Fenster, langsam rannen die Tropfen am Glas hinab, hinterließen eine feuchte Spur, die sie seit Wochen nun schon Morgen für Morgen mit ihren Fingern nachfuhr.
Es war, als wollte der Regen ihre Tränen an ihrer statt vergießen. Und das rhythmische Pochen des Wolkenbruchs an ihrem Fenster beruhigte sie - auf eine merkwürdige Art und Weise, die sie sich selbst nicht einmal erklären konnte.
"Kleines? Frühstück ist fertig", sprach ihre Mutter.
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass es an ihrer Tür geklopft hatte und wandt sich nun mit einem leichten Schreck zu ihrer Mutter herum, die noch immer in der Tür stand und ihre Tochter mit einem Lächeln bedachte, welches wohl aufmunternd wirken sollte. Das tat es nicht. Nichts konnte die junge Frau trösten. In ihren schwersten Stunden war es einzig der Regen, der ihre Sprache sprach, mit ihr redete, sie beruhigte und ihre Tränen teilte.
Seufzend nickte die Blondine ihrer Mutter zu, die nur darauf gewartet zu haben schien und sich nun wieder gen Küche aufmachte. Es dauerte einige Minuten, ehe die Tochter bereit war, sich vom Anblick des tröstenden Nasses, welches wieder einmal für sie weinte, zu lösen und ihrer Mutter in die Küche zu folgen, von wo ihr schon der Geruch nach Kaffee und Brötchen in die Nase drang. Ihr Magen knurrte, doch hungrig war sie schon lange nicht mehr gewesen.

Der Tisch war genauso reich gedeckt, wie er es auch in den letzten Wochen gewesen war. Es schien ihr beinahe, als würde es etwas zu feiern geben, wenn sie den Frühstückstisch betrachtete. Doch zu feiern gab es nun wahrlich nichts. Wieder überwog die Trauer, ihr Magen knurrte erneut, doch sie schenkte ihm nicht die geringste Beachtung. Sie wollte nichts essen, wie sie es in den letzten Wochen schon nicht gewollt hatte.
"Nun iss doch was, Kind", sprach ihre Mutter und sah besorgt zu ihrer Tochter, die nun schon minutenlos reglos, schweigend und vor sich hinstarrend vor ihrem Teller saß, den sie weder angerührt noch angesehen hatte.
Kurz blickte die Blondine auf, sah ihrer Mutter in die Augen. Stand in ihnen denn nicht tiefste Trauer und Sorge geschrieben?
"Keinen Hunger", murmelte sie leise und blickte in das Nichts zurück, in das sie vorher schon gestarrt hatte.
"Du musst etwas essen", mischte sich nun auch ihr Vater ein, den sie vorher nicht einmal bemerkt hatte.
Sein graues Haar war in den letzten Wochen noch grauer geworden. Seine blauen Augen waren müde, abgekämpft und sprachen von jener Trauer und Sorge, wie es auch die Augen ihrer Mutter taten.
Seufzend und ohne auch nur den leisesten Anflug von Appetit oder Hunger, tat die Tochter, wie ihr geheißen wurde. Es fiel ihr schwer, auch nur einen einzigen Bissen ihres Honigbrötchens herunterzuschlucken. Doch sie tat es, wollte nicht, dass ihre Eltern sich noch mehr um sie sorgen mussten, als sie es ohnehin schon taten.

Das erste Mal, seitdem all jenes geschehen war, welches sie so sehr trauern ließ, hatte sie nun das Haus verlassen. Einsam, ohne Schirm und ohne Kapuze, stand sie an der Haltestellte, wartete auf die Straßenbahn, die laut Anzeige in drei Minuten hier an der Haltestelle Greifswalder Straße Ecke Danziger Straße eintreffen sollte. Nicht ein Mensch schien sich bei diesem Regen ohne Schirm und ohne zu hetzen aus dem Haus zu trauen. Sie jedoch, deren Haar schon vollkommen durchgenässt war, ließ'sich nicht davon beeindrucken, war in aller Seelenruhe hierher gelaufen. Nur wenige Meter waren es, die sie hatte gehen müssen, doch diese wenigen Meter hatten ausgereicht, um sie wirken zu lassen, als würde sie schon eine Stunde oder länger hier im Regen stehen, ohne den geringsten Schutz.
Endlich kam die Straßenbahn. So leer die Straßen auch waren, so voll besetzt war diese Straßenbahn. Nur schwer konnte sie sich zu dem Fahrkartenautomaten durchdrängeln. Schüler, Studenten und alte Menschen drängten sich hier zusammen, wie Vieh. Es war eng, es war stickig und es roch, es hätte sich jemand verbotenerweise eine Zigarette angezündet. Einmal mehr war sie froh, dass sie nur eine kurze Strecke zu fahren hatte. Ihr Ziel war nah und doch so fern, so ungreifbar, so unwirklich. Und sie zitterte vor Angst, als sie wenige Minuten später aus der Straßenbahn stieg.

Wieder hatte sie sich Zeit gelassen, war langsam und gemächlich den Weg gegangen, der sie zum St-Marien-Kirchhof führte. Doch nicht der Regen, der ihr Trost spenden wollte, war es, der sie aufgehalten hatte. Nein, es war die Angst vor dem gewesen, was sie gleich würde sehen müssen. Wochenlang hatte sie es immer und immer wieder aufgeschoben, sein Grab zu besuchen, es immer und immer wieder verschoben. Ja, sie hatte schlussendlich sogar Ausreden dafür gesucht, nicht hierher kommen zu müssen. Tagein, tagaus hatte sie den Regen, der so sehr zu ihrer Trauer passen wollte, bei seinem Spiel beobachtet, hatte ihn um seine Freiheit, offen und ohne Scham weinen zu dürfen, beneidet, nur um sich nicht dem zu stellen, wozu sie sich nun gezwungen hatte.
Keine Menschenseele war hier, die Blumen, die die Gräber schmückten, ließen einsam und verlassen ihre Köpfe hängen und sprachen so denjenigen aus der Seele, die sie dort hingelegt hatten. Sie hingegen hatte keine Blumen, keine Gaben, die sie zu verschenken hatte. Nichts, so befand sie, konnte ihre Trauer so gut ausdrücken, als dass es es verdient hätte, sein Grab zu schmücken.
Es brauchte nur einen einzigen Blick auf sein Grab, um es zu erkennen. Sein Name stand in goldenen Lettern auf dem schwarzen Stein. Doch als der Regen von der Sonne verdängt wurde, ein bunter Bogen über seinem Grab erschien, war es nicht mehr die Trauer, die schwer in ihr wog. Es war die Hoffnung und es war, als würde ihr Mann mit diesem Regenbogen zu ihr sprechen.
"Hören Sie, Sir, folgendes... Es geht um meinen Teppich, der das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht hat..."

// The Big Lebowski \\
Benutzeravatar
Siria
Beiträge: 32874
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 22:21
Abwesend: montags und donnerstags
Kontaktdaten:

Re: Berlin (2/?)

Beitrag von Siria »

Hej Ria!

Das nächste Mal brauch ich bitte gleich einen Verweis darauf, dass du was Neues geschrieben hast, denn ich schau für gewöhnlich nicht in diesen Bereich, bekomme es also auch nicht mit, wenns was Neues gibt! ;)

Nun aber zur Geschichte.
Du hast sie wundervoll bildlich geschrieben. Die einzelnen Szenen konnte ich mir richtig gut vorstellen und so was mag ich. Die kleinen Details, wie die Spur der Regentropfen, der Geruch in der Straßenbahn, die hängenden Köpfe der Blumen... schön, dass du das mit hineinbringst. Es bringt die Geschichte zum Leben und versetzt den Leser oder mich noch mehr in die Situation hinein. Ich mag sowas einfach!
Ja, die Geschichte ist erstmal traurig und dein immer wieder erwähnter Regen drückt die Stimmung sehr gut aus. Aber das Schöne beim Regen ist, er hört auch irgendwann wieder auf ;)
Und dies tut er auch in deiner Geschichte und dann auch noch in der schönsten Form, in einem Regenbogen.
Regenbögen - das tolle an ihnen sind ja nicht nur die schönen, frohen Farben, sondern sie sind eine Verbingung zwischen zwei Dingen: Regen und Sonnenschein; Trauer und Hoffnung. Es herrscht dann immer ein ganz besonderes Licht, dunkle Wolken im Kontrast zur Sonne.
Regenbögen über Berlin - oh ja. Ich kann mich an einige erinnern. Zwischen den grauen Häusern - Farbe!

Oh jeh, ich schweife aus...
Der Regenbogen ist ein schönes Symbol, dass deine Protagonistin ein wenig aus ihrer Trauer herausholt.
Man kann sich gut in sie hineinversetzen, wie ihr alles egal ist, sie sich vergraben will, es nicht wahrhaben will was geschehen ist. Und doch findet sie dann die Kraft, diesen wichtigen Schritt zu gehen, um bewußt Abschied zu nehmen. Es ist selber wie ein Aufatmen an dieser Stelle und man ist sich irgendwie gewiss, dass sie diese Trauer überstehen wird, um weiterzuleben.

Lange Rede kurzer Sinn.
Eine wieder schöne Berlin Geschichte, die zwar etwas schwermütig aber nicht schwerfällig ist, im Gegenteil, es schwingt Hoffnung mit.
Ich freue mich auf die nächste Berlin Story!

lg :knuff:
Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben. Kurt Tucholsky
Benutzeravatar
Tjeika
Projektleitung
Beiträge: 66900
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 20:56
Aftermath: Shadi Ké-Yazzi Begaye
Einherjer: Keðja Grimnirsdottir
Klaue der Goldenen Schildkröte: Huỳnh Luân Ngọc
AE.I: Nhia Tsuajb
Ascalon: Phyleira Kelaris & Alakti
Das Erbe der Götter: Svara
Kampf um Choma: Shaya, Eza & Noyan
Scyta: Shira Aslani
Abwesend: Sonnabend - Montag
Wohnort: Midgard
Kontaktdaten:

Re: Berlin (2/?)

Beitrag von Tjeika »

Hej Anna :knuff:

Ich gebe dir auch oben gleich Bescheid, dass es gleich was Neues geben wird ;) Keine Sorge *lach*
Ich selbst finde es immer schön, wenn man die kleinen Details, die du erwähnt hast, in Geschichten wiederfindet. Mich persönlich interessiert sowas immer beim Lesen einer Geschichte. Das macht es, wie du ja bereits erwähntest, bildhafter und damit auch greifbarer. Schön, dass dir das aufgefallen ist!
Diese Geschichte habe ich geträumt, wie die meisten anderen auch und ich muss gestehen, dass ich recht froh war, dass es ein "hoffnungsvolles" Ende hatte, also der Traum. Denn für gewöhnlich ändere ich meine Träume beim Aufschreiben auch nicht ab :lol:
Das mit dem Regenbogen passt ja eigentlich ganz prima zu deinen heutigen Bildern :D Stelle ich gerade fest^^
Aber ja, die Beschreibung, als eine Art Brücke, wie es auch in der nordischen Mythologie der Fall ist, haut schon hin. So war es gedacht ;)
Es freut mich wirklich, dass auch diese Berlin Geschichte dir zugesagt hat und ich hoffe, das kann man auch von der nächsten sagen, die nicht ganz so schwermütig ist ;) Etwas... amüsanter, irgendwie.

Vielen lieben Dank für dein Review :knuddel:
"Hören Sie, Sir, folgendes... Es geht um meinen Teppich, der das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht hat..."

// The Big Lebowski \\
Benutzeravatar
Tjeika
Projektleitung
Beiträge: 66900
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 20:56
Aftermath: Shadi Ké-Yazzi Begaye
Einherjer: Keðja Grimnirsdottir
Klaue der Goldenen Schildkröte: Huỳnh Luân Ngọc
AE.I: Nhia Tsuajb
Ascalon: Phyleira Kelaris & Alakti
Das Erbe der Götter: Svara
Kampf um Choma: Shaya, Eza & Noyan
Scyta: Shira Aslani
Abwesend: Sonnabend - Montag
Wohnort: Midgard
Kontaktdaten:

Berlin (3/?)

Beitrag von Tjeika »

Berlin - Irren ist menschlich
Eine laue, sternenklare Nacht war es, als die Türen vom Knaack sich öffneten, um die ersten Gäste hineinzulassen. Gut ein Dutzend junger Männer und Frauen standen wartend auf der Greifswalder Straße, beobachteten die vorbeilaufenden Passanten und die vorbeilaufenden Fußgänger, unterhielten sich, lachten und gingen nun nach und nach, Schritt für Schritt, nach vorne, um sich von den Türstehern nach Waffen oder mitgebrachtem Alkohol kontrollieren zu lassen. Hinter ihnen stand eine junge Frau, die die Ausweise der Gäste kontrollierte, auf dass auch ja niemand, der noch keine achtzehn Jahre alt war, in den Berliner Nachtclub gelangen konnte.
Nur wenige waren alleine gekommen, die meisten waren in einer Gruppe oder zu zweit unterwegs, wollten sich einen schönen Abend machen. Doch nicht so die junge Frau, die finster dreinblickend nun ihre Tasche öffnete, um sie durchsuchen zu lassen. Sie kannte das Prozedere schon und brauchte nicht erst gebeten zu werden, ihre Tasche zu öffnen. Als sie vorbeigelassen wurde, hatte sie ihren Ausweis schon in weiser Voraussicht in die Hand genommen, zeigte ihn der jungen Dame, die ebenfalls gar nicht erst danach verlangen brauchte.
So lange schon war sie nicht mehr hier gewesen, so lange schon hatte sie darauf verzichtet, sich selbst etwas zu gönnen, nur damit er es tun konnte. Sie mussten sparen, das sicherlich. Doch als sie von einem seiner Freunde gehört hatte, dass er jeden zweiten Samstag hier im Knaack zu finden sei, hatte sie nichts mehr gehalten.
Heute war wieder einmal der zweite Samstag im Monat. Eine ganze Woche hatte sie sich geduldet, hatte sich ihm gegenüber nichts anmerken lassen. Zum einen, weil sie nicht sicher sein konnte, dass es auch wirklich stimmte, was sein Freund ihr da gesteckt hatte und zum anderens, weil sie ihn selbst auf frischer Tat erwischen wollte.

Als sie einen der Innenräume betrat, schlug der Lärm ihr sprichwörtlich ins Gesicht. Dröhnender Bass, stickige Luft - sie wusste schon, warum sie so lange nicht mehr hier gewesen war. Vom finanziellen Aspekt einmal ganz abgesehen. Es war definitiv zu laut, es stank nach frischem Schweiß und sie war sich sicher, dass dieser letztgenannte Umstand im Laufe des Abends sicherlich nicht angenehmer werden würde.
Die ersten Gäste hatten sich schon auf die Tanzfläche gewagt. Das furchtbar blendende, bunte Stroboskoplicht schien mit ihnen zu den in ihren Ohren schrecklichen Technoklängen zu tanzen. Seufzend stellte sie fest, dass sich die Tanzfläche zwischen ihr und der Bar, an der sich schon eine längere Schlange gebildet hatte, befand. Nun galt es die altbewährte Ellenbogentaktik anzuwenden, nur, um sich dann hinten an der Schlange anzustellen.
Der Mann, der gerade sein Bier bestellte, musste brüllen, damit der Barkeeper ihn auch verstehen konnte. Doch zu ihr drangen nur dumpfe Laute herüber, die im Bass der Musik unterzugehen schienen.
Endlich war sie an der Reihe. Es wurde aber auch Zeit, eine gefühlte Ewigkeit stand sie schon hier an. Sie war genervt. Viel zu viele Menschen, stickige Luft und dröhnendes Stampfen, welches als Musik bezeichnet wurden, taten ihr Übrigens zu ihrer Laune. Und dabei war sie nicht einmal deswegen hier - und auch nicht, um etwas zu trinken, denn dafür hätte sie einfach in die Kneipe ihres Vertrauens einkehren können.
"Was darf's sein?", brüllte der Barkeeper in ihr Ohr, nachdem er sich über den Tresen zu ihr heruntergebeugt hatte.
"Beck's", schrie sie nur zurück und sie hatte das dumpfe Gefühl, dass sie am heutigen Abend sicherlich noch heiser werden würde.
Vielleicht sollte sie es beim nächsten Mal an der Bar, die sich draußen im Innnehof befand versuhen, so nahm sie es sich vor.
Der Barkeeper, dessen Haare den Eindruck erweckten, als würden sie in Gel ertrinken, nickte ihr lächelnd zu, so dass sie sich nun ebenfalls gezwungen sah, ein Lächeln aufzusetzen. Dann drehte er sich um und öffnete einen Kühlschrank, während sie ihren Blick über die Menge gleiten ließ.
"Zwei Euro fünfzig", brüllte er wieder in ihr Ohr, so dass sie erschrocken herumfuhr und sich erst einmal vor Schreck an die Brust fasste, was ihm wiederum ein neckisches Grinsen entlockte.
Wortlos aber nickend legte sie die verlangte Summe auf den Tresen, nahm sich ihr Bier und begann mit ihrer Suche. Sie wusste, dass es bei der Größe dieses Clubs eine Menge Zeit in Anspruch nehmen konnte - und wohl auch würde.

Dies war nun schon der dritte, und damit auch letzte Raum, den sie nach ihm absuchte, der laut der Aussage seines Freundes hier ihrer beider Geld aus dem Fenster warf, während sie versuchte an allen Ecken und Enden zu sparen. Die DJ's und Angestellten beachtete sie gar nicht, achtete nur auf die Menge, auf die Tanzenden und auf die, die am Tresen standen oder sich irgendwo in einer Ecke niedergelassen hatten.
Ihre Wut wuchs mehr und mehr und doch, so langsam und allmählich wuchs in ihr auch der Zweifel, ob sein Freund auch wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Denn noch immer hatte sie ihn nicht finden können.
"Was suchst du denn hier?", fragte sie da schließlich eine Stimme nah an ihrem Ohr.
Wieder einmal erschrocken wandt sie sich der Stimme zu. Hier war er also, sein Freund hatte die Wahrheit gesprochen.
Ohne weiter darüber nachzudenken, holte sie aus, um ihn mit einer Ohrfeige zu bedenken. Dann wandt sie sich herum. Ihr war schlecht, sie musste hier raus und das schnell. Doch ehe sie sich versah, wurde sie am Arm gepackt und herum gerissen.
Keiner der Umstehenden schenkte den beiden auch nur einen Blick.
"Und wofür war das?", brüllte er und bedachte sie mit einem schmerzerfüllten, vorwurfsvollen Blick.
"Dafür, dass du hier jeden zweiten Samstag unser Geld verschwendest", schrie sie ihn wutentbrannt an und war wild entschlossen, nun endlich zu gehen, doch sein Griff war eisern und ließ ihr keine Wahl.
Ein erkennender Blick wich seinem verletzten Blick. Und dann lachte er, während sie nicht mehr wusste, was das alles eigentlich sollte. Machte er sich denn nun allen Ernstes über sie lustig? Wie blind war sie eigentlich gewesen?
"Ich verschwende unser Geld nicht!", sprach er halb schreiend, "Ich arbeite hier!"
Und schon schalt sie sich einen Narren...
"Hören Sie, Sir, folgendes... Es geht um meinen Teppich, der das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht hat..."

// The Big Lebowski \\
Benutzeravatar
Siria
Beiträge: 32874
Registriert: Sa 18. Apr 2009, 22:21
Abwesend: montags und donnerstags
Kontaktdaten:

Re: Berlin (3/?)

Beitrag von Siria »

Na dann will ich mal, auch wenn es ein wenig gedauert hat.

Ich kann jetzt gar nicht mit Sicherheit sagen, ob ich schon im Knaack war, dafür müßte ich schon davor stehen, aber das ist ja auch nicht wichtig.

Irgendwie war mir nach dem ersten größeren Abschnitt klar, worum es gehen würde und im Grunde auch, wie es ausgeht.
Aber das der Geschichte keinen Abbruch, denn man wusste schließlich nicht, wie sich dass alles auflösen würde.

Du läßt die Sehnsucht in ihr, mal wieder etwas zu unternehmen oder eben sich etwas zu gönnen immer wieder gut durchblicken. Auch wenn es nicht das Knaack sein muß, weil es zu laut, stickig und stinkig ist (was ich durchaus nachvollziehen kann).
Ebenso bringst du gut rüber, dass ihr das einfach alles nicht passt und wegen der Sache mit ihrem Freund noch genervter ist und dadurch alles vielleicht noch negativer wahrnimmt.
(Gute Wahl mit Becks *g*)
Und dann ja… heftige Reaktion, doch bei ihren Zweifeln und Genervtsein wohl verständlich.
Und dann die ganz schnelle Auflösung dessen, was eigentlich los war.
Ich hätte gerne ihr Gesicht gesehen und auch gewußt, wie sie nun reagieren würde.

Insgesamt flüssig geschrieben, man konnte gut mit ihr mitfühlen und natürlich auch ihre Zweifel verstehen.
:knuff:
Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben. Kurt Tucholsky
Antworten

Zurück zu „Kunst unserer User“