Berlin (3/?)
Verfasst: Fr 25. Sep 2009, 18:11
Ich habe heute festgestellt, dass ich zwar schon einen Haufen Geschichten und Kurzgeschichten geschrieben habe, jedoch keine von ihnen im wunderbaren Berlin spielt. Daher auch die Idee, eine Art Reihe zu schreiben. Jeweils eine genau 1000-Worte umfassende Kurzgeschichte. Sie werden nur lose etwas miteinander zu tun haben, jedoch einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Wer diese findet, kriegt nen Keks 
Hier nun der erste Streich.
1. Berlin - Sushi und Vergebung
2. Berlin - Regenbogenzauber
3. Berlin - Irren ist menschlich
Grau war die Wolkendecke, die über der Stadt thronte. Alles, war wie immer. Grau und dennoch nicht trostlos. Das Leben pulsierte in der Stadt, wenn es nicht gar die Stadt selbst war, die lebte. Es war Berlin.
"Zurückbleiben, bitte", schallte es aus den Lautsprechern der Berliner S-Bahn.
Eilig sprang die braunhaarige Urberlinerin in den Zug, gerade noch rechtzeitig, ehe die Türen sich geschlossen hatten. Stickig und viel zu voll war es hier drinnen. Doch daran hatte man sich längst gewöhnt. Wild durcheinander sprachen die Stimmen der Fahrgäste, so dass man die einzelnen Gespräche kaum auseinander halten konnte.
"Nächster Halt: Hackescher Markt", sprach eine männliche Stimme aus den Lautsprechern.
"Hallo", hörte sie keine zwei Sekunden später eine leise Stimme nahe an ihrem Ohr, so dass sie erst erschrocken zusammenfuhr und sich dann - soweit es das Gedränge zuließ - zum Ursprung der Stimme herumdrehte.
Er war älter geworden, wahrlich, dennoch erkannte sie ihn. Fünf Jahre hatten sie sich nicht gesehen, fünf Jahre in denen zumindest in ihrem Leben eine Menge geschehen war.
"Hey, wie geht es dir?", fragte sie etwas zu überschwenglich.
Ja, sie freute sich wahrlich ihn zu sehen. Etwas seltsam war es dennoch.
"Kommst du mit auf einen Kaffee?", stellte er die Gegenfrage, ohne näher auf die Ihre einzugehen.
Sie nickte nur.
Der Markt am Bahnhof Hackescher Markt war gut besucht, wie eigentlich immer. Sie hatten leichte Schwierigkeiten gehabt, durch die Menge hindurch zu kommen. Doch schließlich waren sie am Kotobuki Sushirestaurant vorbei und sie blieb stehen. Sie liebte Sushi. Widerstehen war schwer.
"Appetit auf Sushi?", fragte eine amüsierte Stimme neben ihr und keine drei Sekunden später steuerte ihr alter Klassenkamerad auf den Eingang zu.
Schulterzuckend folgte sie ihm, nicht, dass sie etwas gegen die kleine Planänderung einzuwenden hatte.
"Guten Tag", hörte sie die Stimme des Kochs in gebrochenem Deutsch. Ob er wirklich Japaner war oder doch ein Vietnamese, wie viele es vermuteten, konnte man schwer feststellen. Es spielte letztlich auch keine Rolle.
Schweigend setzten sie sich. Es war leer. Noch nie hatte es die Braunhaarige erlebt, dass hier irgendein Besucher war. Vielleicht wurde der Laden ja wirklich zur Geldwäsche benutzt, wie viele ihrer Freunde und auch sie selbst es vermuteten. Doch das Essen war gut, das konnte keiner von ihnen leugnen.
"Was kann ich Ihnen bringen?", sprach der Japaner - oder Vietnamese - sie beide in seinem einigartigen Deutsch an.
"Sake Maki für mich bitte", antwortete sie, ohne auf die Karte zu blicken.
"Für mich bitte auch", sagte der junge Mann, der ihr nun gegenüber saß, während er den Blick nicht von ihr nahm.
Während der Koch nach hinten verschwand, versuchte sie ihre Aufmerksamkeit dem Bild hinter ihm an der Wand zuzuwenden. Es war ein Werbeplakat für japanisches Reisbier. Sie erinnerte sich, es hier einmal gekostet zu haben, es hatte widerlich geschmeckt. Die gute Miene, um den Wirt nicht zu beleidigen oder zu verärgern, war ihr damals wahrlich schwer gefallen.
"Wenn wir hier schon einmal so nett beieinander sitzen, können wir uns auch unterhalten", sagte er, der sie die ganze Zeit über angesehen hatte.
Widerstrebend nahm sie den Blick von dem Plakat und wandt ihn ihm zu.
"Ja", eine wahrlich eintönige Antwort, doch was sollte sie sonst sagen? Dass es ihr leid tat?
"Was hast du die letzten Jahre so gemacht?", fragte er munter drauf los, ohne weiter auf ihre Zurückhaltung einzugehen.
"Erst ein freiwilliges soziales Jahr und jetzt studiere ich", sagte sie immer noch recht eintönig. Ganze Sätze wollten heute bei ihr nicht so recht funktionieren. Zu sehr dachte sie darüber nach, wie ihre Entschuldigung letztlich aussehen sollte. Angebracht war sie allemal, nachdem, was damals geschehen war.
"Und was studierst du?", fragte er, sichtlich amüsiert.
"Medizin", wieder nur eine kurze Antwort.
Ihre gedankliche Formulierung der Entschuldigung wurde jäh unterbrochen, als er schallend loslachte.
"Was?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.
"Wenn du hier nicht mit mir sitzen willst, dann sag es doch einfach", sagte er immer noch lachend.
"Das ist es nicht. Ich... es ist damals nicht alles so gelaufen, wie es vielleicht hätte laufen sollen", sagte sie und blickte zu dem Japaner, der die beiden Sake-Gerichte für sie beide nun auf den Tisch stellte.
"Guten Appetit", wünschte er lächelnd und verschwand wieder nach hinten, nachdem sie sich beide bedankt hatten.
"Nein, ist es wohl nicht. Aber nach fünf Jahren sollte Gras über die Sache gewachsen sein, meinst du nicht?", erwiderte er nun wieder etwas ernster als zuvor. Das Schmunzeln hatte er jedoch nicht aus seinem Gesicht verbannen können.
Seufzend griff sie nach den Essstäbchen und tunkte die erste Maki-Rolle in das Wasabi.
"Es tut mir dennoch leid", sagte sie kauend. Und es tat ihr leid.
"Ich weiß. Mir auch. Es hätte anders laufen sollen", erwiderte er und tat es ihr nach.
"Hätte es", sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit.
Schweigen.
Den Rest der Mahlzeit hatten sie schweigend eingenommen. Worüber hätten sie sich auch unterhalten sollten. Zumindest ihr schien es, als wäre nun das gesagt worden, was schon damals hätte gesagt werden sollen.
Noch immer war der Markt gut besucht. Eine sanfte Brise ließ die Tücher eines indischen Standes in der Luft tanzen. Und noch immer war der Himmel über Berlin grau.
"Ja, also", sagte sie unsicher, während sie zu ihm blickte, der gerade aus dem Eingang des Sushi-Restaurants trat.
"Ja?", ein erwartendes Lächeln zierte sein Gesicht.
"Danke für die Einladung", sagte sie und wollte sich gerade zum Gehen abwenden, als seine Hand sich auf ihre Schulter legte.
Irritiert drehte sie sich wieder zu ihm herum. Und dann küsste er sie, ganz genau so, wie er es in den letzten fünf Jahren in ihren Träumen getan hatte, ganz genau so, wie er es früher immer getan hatte. So, wie sie es sich in all den Jahren gewünscht hatte.
"Wenn du wieder ohne ein weiteres Wort verschwindest, dann wird es nicht so einfach", flüsterte er gegen ihre Lippen, ehe er sie erneut küsste.
Hier nun der erste Streich.
1. Berlin - Sushi und Vergebung
2. Berlin - Regenbogenzauber
3. Berlin - Irren ist menschlich
Berlin - Sushi und Vergebung
Berlin war eine großartige Stadt. Das war sie eigentlich schon immer gewesen. Hier fand sich alles, was das Herz begehrte. Und ein Nachtleben, welches seinesgleichen suchte.Grau war die Wolkendecke, die über der Stadt thronte. Alles, war wie immer. Grau und dennoch nicht trostlos. Das Leben pulsierte in der Stadt, wenn es nicht gar die Stadt selbst war, die lebte. Es war Berlin.
"Zurückbleiben, bitte", schallte es aus den Lautsprechern der Berliner S-Bahn.
Eilig sprang die braunhaarige Urberlinerin in den Zug, gerade noch rechtzeitig, ehe die Türen sich geschlossen hatten. Stickig und viel zu voll war es hier drinnen. Doch daran hatte man sich längst gewöhnt. Wild durcheinander sprachen die Stimmen der Fahrgäste, so dass man die einzelnen Gespräche kaum auseinander halten konnte.
"Nächster Halt: Hackescher Markt", sprach eine männliche Stimme aus den Lautsprechern.
"Hallo", hörte sie keine zwei Sekunden später eine leise Stimme nahe an ihrem Ohr, so dass sie erst erschrocken zusammenfuhr und sich dann - soweit es das Gedränge zuließ - zum Ursprung der Stimme herumdrehte.
Er war älter geworden, wahrlich, dennoch erkannte sie ihn. Fünf Jahre hatten sie sich nicht gesehen, fünf Jahre in denen zumindest in ihrem Leben eine Menge geschehen war.
"Hey, wie geht es dir?", fragte sie etwas zu überschwenglich.
Ja, sie freute sich wahrlich ihn zu sehen. Etwas seltsam war es dennoch.
"Kommst du mit auf einen Kaffee?", stellte er die Gegenfrage, ohne näher auf die Ihre einzugehen.
Sie nickte nur.
Der Markt am Bahnhof Hackescher Markt war gut besucht, wie eigentlich immer. Sie hatten leichte Schwierigkeiten gehabt, durch die Menge hindurch zu kommen. Doch schließlich waren sie am Kotobuki Sushirestaurant vorbei und sie blieb stehen. Sie liebte Sushi. Widerstehen war schwer.
"Appetit auf Sushi?", fragte eine amüsierte Stimme neben ihr und keine drei Sekunden später steuerte ihr alter Klassenkamerad auf den Eingang zu.
Schulterzuckend folgte sie ihm, nicht, dass sie etwas gegen die kleine Planänderung einzuwenden hatte.
"Guten Tag", hörte sie die Stimme des Kochs in gebrochenem Deutsch. Ob er wirklich Japaner war oder doch ein Vietnamese, wie viele es vermuteten, konnte man schwer feststellen. Es spielte letztlich auch keine Rolle.
Schweigend setzten sie sich. Es war leer. Noch nie hatte es die Braunhaarige erlebt, dass hier irgendein Besucher war. Vielleicht wurde der Laden ja wirklich zur Geldwäsche benutzt, wie viele ihrer Freunde und auch sie selbst es vermuteten. Doch das Essen war gut, das konnte keiner von ihnen leugnen.
"Was kann ich Ihnen bringen?", sprach der Japaner - oder Vietnamese - sie beide in seinem einigartigen Deutsch an.
"Sake Maki für mich bitte", antwortete sie, ohne auf die Karte zu blicken.
"Für mich bitte auch", sagte der junge Mann, der ihr nun gegenüber saß, während er den Blick nicht von ihr nahm.
Während der Koch nach hinten verschwand, versuchte sie ihre Aufmerksamkeit dem Bild hinter ihm an der Wand zuzuwenden. Es war ein Werbeplakat für japanisches Reisbier. Sie erinnerte sich, es hier einmal gekostet zu haben, es hatte widerlich geschmeckt. Die gute Miene, um den Wirt nicht zu beleidigen oder zu verärgern, war ihr damals wahrlich schwer gefallen.
"Wenn wir hier schon einmal so nett beieinander sitzen, können wir uns auch unterhalten", sagte er, der sie die ganze Zeit über angesehen hatte.
Widerstrebend nahm sie den Blick von dem Plakat und wandt ihn ihm zu.
"Ja", eine wahrlich eintönige Antwort, doch was sollte sie sonst sagen? Dass es ihr leid tat?
"Was hast du die letzten Jahre so gemacht?", fragte er munter drauf los, ohne weiter auf ihre Zurückhaltung einzugehen.
"Erst ein freiwilliges soziales Jahr und jetzt studiere ich", sagte sie immer noch recht eintönig. Ganze Sätze wollten heute bei ihr nicht so recht funktionieren. Zu sehr dachte sie darüber nach, wie ihre Entschuldigung letztlich aussehen sollte. Angebracht war sie allemal, nachdem, was damals geschehen war.
"Und was studierst du?", fragte er, sichtlich amüsiert.
"Medizin", wieder nur eine kurze Antwort.
Ihre gedankliche Formulierung der Entschuldigung wurde jäh unterbrochen, als er schallend loslachte.
"Was?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.
"Wenn du hier nicht mit mir sitzen willst, dann sag es doch einfach", sagte er immer noch lachend.
"Das ist es nicht. Ich... es ist damals nicht alles so gelaufen, wie es vielleicht hätte laufen sollen", sagte sie und blickte zu dem Japaner, der die beiden Sake-Gerichte für sie beide nun auf den Tisch stellte.
"Guten Appetit", wünschte er lächelnd und verschwand wieder nach hinten, nachdem sie sich beide bedankt hatten.
"Nein, ist es wohl nicht. Aber nach fünf Jahren sollte Gras über die Sache gewachsen sein, meinst du nicht?", erwiderte er nun wieder etwas ernster als zuvor. Das Schmunzeln hatte er jedoch nicht aus seinem Gesicht verbannen können.
Seufzend griff sie nach den Essstäbchen und tunkte die erste Maki-Rolle in das Wasabi.
"Es tut mir dennoch leid", sagte sie kauend. Und es tat ihr leid.
"Ich weiß. Mir auch. Es hätte anders laufen sollen", erwiderte er und tat es ihr nach.
"Hätte es", sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit.
Schweigen.
Den Rest der Mahlzeit hatten sie schweigend eingenommen. Worüber hätten sie sich auch unterhalten sollten. Zumindest ihr schien es, als wäre nun das gesagt worden, was schon damals hätte gesagt werden sollen.
Noch immer war der Markt gut besucht. Eine sanfte Brise ließ die Tücher eines indischen Standes in der Luft tanzen. Und noch immer war der Himmel über Berlin grau.
"Ja, also", sagte sie unsicher, während sie zu ihm blickte, der gerade aus dem Eingang des Sushi-Restaurants trat.
"Ja?", ein erwartendes Lächeln zierte sein Gesicht.
"Danke für die Einladung", sagte sie und wollte sich gerade zum Gehen abwenden, als seine Hand sich auf ihre Schulter legte.
Irritiert drehte sie sich wieder zu ihm herum. Und dann küsste er sie, ganz genau so, wie er es in den letzten fünf Jahren in ihren Träumen getan hatte, ganz genau so, wie er es früher immer getan hatte. So, wie sie es sich in all den Jahren gewünscht hatte.
"Wenn du wieder ohne ein weiteres Wort verschwindest, dann wird es nicht so einfach", flüsterte er gegen ihre Lippen, ehe er sie erneut küsste.