Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow
Verfasst: Mi 18. Okt 2017, 13:46
Eine Story, die ich in den internetlosen Tagen begann. Mikael Gromow ist ein Charakter, den ich schon seit einigen Jahren schreibe, erst nur als NPC gedacht im Play "City of Shadows". Doch der Char wurde immer stärker und rückte in den Mittelpunkt. Ich schreibe ihn ihm Ü-18-Play weiter und er ist und bleibt ein komplexer, fordernder Char mit sehr vielen Facetten.
Eine dieser Facetten ist der Junge Mikael, der in den Zeiten der Unruhen und Kriege des ehemaligen Jugoslawien aufwächst, dessen Eltern früh versterben und dem nur sein Bruder Stjephan bleibt. Dann wird Stjephan krank und Mikaels Weg beginnt...
Eins: Der stärkste Junge der Welt
Die Nacht war beinahe um, als Mikael erwachte. Sein Rücken schmerzte von der ungewohnten Position. Er war im Sitzen eingeschlafen am Bett seines Bruders Stjephan. Wie an so vielen Abenden der letzten Monate.
Stjephan lag im Sterben. Und es gab nichts, was Mikael dagegen tun konnte. Nichts, um seinen fünf Jahre älteren Bruder, der ihn aufzog seit dem Tod ihrer Eltern, bei sich zu halten. Im Leben. An seiner Seite. Er brauchte ihn doch. Er durfte ihn nicht auch noch verlieren.
Stjephan war dünn und blass geworden. Die Haut spannte über seine Knochen und er hatte vor einigen Tagen aufgehört zu essen. Einfach so. Mikael verstand es nicht und versuchte wieder und wieder, ihn zu überreden. Doch Stjephan kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Mikael wurde wütend und schrie seinen Bruder an, weinte und flehte. Doch es half nichts. Stjephan hatte aufgegeben. Der Krebs war stärker und Stjephan reichte dem Tod die Hand. Jeden Morgen fürchtete Mikael, sein Bruder habe bereits aufgehört zu atmen und jeden Morgen sah er panisch in dessen Gesicht und auf die Bettdecke, die sich beruhigender Weise jeden Morgen weiterhin ganz sachte hob und senkte.
Auch diesen Morgen schlief Stjephan nur, doch Mikael spürte, dass etwas anders war. Tiefe, dunkle Verzweiflung griff nach ihm, als er die klamme, kalte Hand seines Bruders in die seine schloss.
„Stjephan?“, flüsterte er leise und sah ihn aus großen Augen an. „Stjephan, wach auf. Bitte.“
Stjephan blinzelte müde und er hatte Mühe, Mikael zu fokussieren. Dann lächelte er matt und hob schwerfällig den Arm. Jede kleinste Bewegung schien ihn ungeheuer anzustrengen.
„Mein kleiner Mika“, sagte Stjephan und Mikael schluckte schwer. Es fühlte sich nach Abschied an. Nach einem endgültigen Abschied. „Du bist so tapfer. Du bist viel stärker als ich es jemals sein kann. Du bist der stärkste Junge auf der Welt, Mika. Sag es mir.“
Mikael musste noch zwei Mal schlucken, bis er seine Sprache wieder fand. „Ich bin… ich bin der stärkste Junge der Welt“, flüsterte er und traute sich nicht einmal zu blinzeln aus Angst, Stjephan wäre im nächsten Augenblick verschwunden.
Stjephan schüttelte leicht den Kopf. „Das kannst du besser. Überzeuge mich. Sei stark!“
Mikael richtete sich etwas auf und straffte die Schultern, wie sein Bruder es ihm beigebracht hatte. „Ich bin der stärkste Junge der Welt!“, sagte er mit festerer Stimme. Stjephan lächelte.
„Das war schon viel besser. Erinnerst du dich daran, was du mir versprochen hast, Mika?“
Mikael nickte zaghaft. Es war ein schweres Versprechen gewesen und er hoffte, er konnte es einhalten. Nein, er würde es einhalten. Er würde alles dafür tun, es einzuhalten.
„Sag es mir.“
Mikael zögerte kurz und blickte etwas zur Seite, dann sah er seinen Bruder wieder an. Gezeichnet von der Krankheit, die ihn auszehrte und ihm das Leben stahl. Dann erinnerte er sich an die Worte und leise Entschlossenheit kehrte in seine Stimme und seinen Blick zurück. „Ich werde für mich und mein Leben kämpfen. Ich werde mich nicht unterordnen oder zu Dingen zwingen lassen, die ich nicht will. Ich bin stark. Ich bin der Stärkste. Ich habe keine Angst.“
Stjephan sah ihn ernst an. „Weißt du auch, was das bedeutet, Mika?“
Mikael nickte langsam. „Egal, was andere mir einreden wollen. Ich bin stark und ich bin ein Kämpfer! Niemand kann mich zu was zwingen“, sagte er das, was er mit seinen elf Jahren verstand.
Stjephan lächelte und strich seinem Bruder sanft über die Wange. „Ganz genau. Du bist Mikael Gromow. Vergiss das nie. Ich weiß, du wirst Mutter und Vater stolz machen.“
„Und dich“, sagte Mikael und wieder bekam seine Stimme einen so komischen Klang. „Dich will ich auch stolz machen.“
Stjephan‘ Lächeln wurde breiter. „Das wirst du, mein kleiner Mika. Nein, das hast du schon. Ich bin sehr, sehr stolz auf dich. Ich werde immer bei dir sein, wo immer du bist. Wir werden immer eine Familie sein, Mikael. Immer.“
„Immer“, wiederholte Mikael leise und es war ein Versprechen.
Er saß weiterhin an Stjephans Bett, jede Nacht, in der es ihm möglich war. Stjephan schien mit jedem Tag weniger zu werden und am Ende war es Mikael, als sei dieser beinahe durchsichtig geworden. Er entschwand wie ein Geist aus dieser Welt und hauchte mit jedem verbleibenden Atemzug sein Leben ein wenig mehr aus. In Mikaels Gedanken gab es nur noch zwei Worte: Stärke und Immer.
-
Zwei Monate waren vergangen und das Waisenhaus war dunkel und modrig. Es gab kaum freudige Stunden in diesen Tagen der Unruhen und Mikael hatte aufgehört, ein Kind zu sein. Er war nun der letzte Gromow seiner Familie, der noch lebte. Der Letzte, der Stärke zeigen konnte. Der überlebte.
Sie hatten sein Elternhaus besetzt und ihm gesagt, er wäre zu klein, um allein zu leben. Hatten ihn in ein altes, modriges Haus gesteckt, dass sie „Waisenhaus“ nannten und das er nun als sein Zuhause ansehen sollte. Mikael hasste diesen Ort. Es gab schlechtes Essen, strenge Regeln und keine Liebe. Nur harte Betten und Verwahrlosung. Mikael suchte wieder und wieder nach Wegen, den geforderten Gehorsam zu umgehen. Er wollte Macht für sich selbst. Stärke.
Es begann damit, dass er kleinere Dinge stahl, die anderen Kindern wichtig waren. Er begann, Streitereien und Prügeleien anzuzetteln und lehnte die Anweisungen der Erzieherinnen des Waisenheimes offen ab. Die Disziplinarmaßnahmen ließ er über sich ergehen. Er wusste, aus jeder von ihnen ging er stärker hervor. Sie züchtigten ihn, doch sie erreichten ihn nicht. Er wurde vom Unterricht ausgeschlossen, in sein Zimmer gesperrt und erhielt Tage- oder wochenlang Hausarrest. Mikael schmiedete in dieser Zeit Pläne, wie er endlich frei wurde. Vielleicht konnte er sich einer Miliz anschließen. Es war ihm egal, dass er erst elf Jahre alt war. In der Miliz konnte er frei sein und kämpfen, wie er es Stjephan versprochen hatte. Für Kroatien. Für die Freiheit. Er musste nur aus diesem Waisenhaus entkommen.
Die Dämmerung brach herein und Mikael schlenderte aus der Stadt zurück. Er wollte erst beim Waisenhaus sein, wenn es dunkel war und dann durch das Fenster an der Rückseite des Gebäudes klettern. Dann wäre er morgen früh in seinem Zimmer, wenn die Schwestern ihn weckten und niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Doch die Straße aus dem Ort heraus zum Waisenhaus, das etwas abgelegen auf einem Hügel stand, war lang und dunkel und manchmal fürchtete Mikael sich, wenn die Bäume im Wind raschelten und mit einander zu flüstern schienen. Manchmal glaubte er, sie redeten über ihn. Dann lief Mikael immer etwas schneller um den Stimmen zu entkommen, die aus den Schatten kamen.
Auch an diesem Abend überkam ihn ein fröstelndes Gefühl und er zögerte kurz. Vielleicht reichte es auch, wenn er am nächsten Morgen kurz vor Sonnenaufgang zurückkehrte. Das Frühgebet begann um 6 Uhr und bis dahin waren es noch viele Stunden. Andererseits war er müde und nicht sicher, ob er den Weg mitten in der Nacht auch wirklich fand. So setzte er zögernd einen Fuß auf den anderen, sah nervös in die Äste der Bäume. Sein Herz raste und er begann zu laufen. Er war ein Angsthase und er war froh, dass Stjephan nicht wusste, wie sehr er sich fürchtete. Er hätte ihn sicher ausgelacht.
Mit einem Mal hörte er Schritte hinter sich. Große, schwere Schritte. Dann ein Knurren. Mikael sah nach hintern und blickte in die dunklen Augen eines riesigen Wolfes. Noch nie hatte er ein derart riesiges Tier gesehen, obwohl er wusste, dass es in diese Wäldern am Rande von Zagreb Wölfe gab. Er hörte nachts manchmal ihr Heulen. Doch niemals hatte er sich die Wesen dazu derart furchterregend vorgestellt. Eher… mystisch. Kraftvoll.
Das interessierte den Wolf vor ihm aber kein bisschen. Mikaels Angst schien ihn eher anzuziehen. Er schrie auf, stürzte nach vorn und fiel in seiner Panik hin. Alte Geschichten von Monstern, die kleine Jungen fressen, kamen ihm in den Kopf und wie Stjephan ihn immer beruhigt hatte, wenn er aus einem Alptraum aufgewacht war. Er wünschte sich so sehr, aufzuwachen.
Er kam nicht mehr dazu, sich aufzurappeln, der Wolf war schneller. Mikael wimmerte und begann zu weinen. Ich sterbe, dachte er in blanker Panik. Vergib mir, Stjephan, ich habe es nicht geschafft. Ich bin nicht stark. Ich bin schwach und klein und habe entsetzliche Angst.
Er sah den großen Wolf über sich, dessen Augen dunkel und gierig waren und dessen Knurren in seinen Ohren dröhnte als sei es das einzige Geräusch der Welt. Dann war da nur noch Schmerz und Blut und brechende Knochen und die Nacht versank in Dunkelheit.
-
Als Mikael zu sich kam, wusste er nicht, wie er hier her gekommen war. Er lag in einem mit sauberen, weißen Laken ausgekleidetem Bett, das leicht nach Kernseife roch. Er wollte sich umdrehen, zuckte aber vor Schmerz zusammen und schlug erschrocken die Augen auf. Was war mit ihm passiert? Angst überkam ihn und er begann zu weinen ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können.
„Shhht, kleiner Mikael. Du wurdest von einem Hund gebissen letzte Nacht. Wir fanden dich vor dem Tor heute Morgen. Du hast viel Blut verloren. Hab keine Angst. Es ist alles gut. Die Wunde wird heilen und bald sieht man davon nichts mehr. Der Hund war fort, wir haben ihn nicht gesehen.“ Schwester Jalinka saß an seinem Bett, wie er erst jetzt bemerkte. Er schämte sich seiner Tränen und trocknete sie verlegen ab. Schwester Jalinka strich ihm durch das Haar, das mal wieder hätte geschnitten werden müssen.
„Ich habe dir eine heiße Brühe gemacht. Die hilft bei dem Blutverlust. Ruh dich aus, Schlaf ist deine beste Medizin. Du brauchst viel Ruhe.“
Mikael bekam viel Brühe, viel Schlaf und viel Ruhe. Die Wunden schlossen sich schwer, aber sie taten es. Es dauerte Tage, bis er sich aufsetzen konnte. Dennoch ging es ihm nicht besser. Er fühlte sich schwach und krank und die Schwestern vermuteten schon eine Vergiftung oder eine Krankheit, die der Hund übertragen haben könnte. Mikael schlief viel und merkte nicht, wie der Vollmond näher und näher rückte.
Drei Wochen lag er auf der Krankenstation, trank Brühe und wimmerte vor Schmerzen. Die Knochenbrüche hielten ihn vom Schlaf ab, Alpträume in der Nacht ließen ihn aufschrecken. Wieder und wieder sah er den Wolf vor sich, spürte er dessen Zähne an seinem Hals, roch er dessen heißen Atem. Jedes Mal erwachte er schreiend und mit mehr Schmerzen als zuvor. Es wollte einfach nicht heilen.
Der herannahende Mond machte alles noch schlimmer, ohne, dass Mikael wusste, woran es lag. Doch sein Körper spürte es. Und als die Nacht gekommen war, wurde Mikael unruhig. Seit einigen Tagen hatte er nur schwer schlafen können. Sein Körper fühlte sich anders an als zuvor, doch er konnte nicht sagen, was genau sich verändert hatte. Wieder und wieder blickte er abends aus dem großen Fenster, ohne zu wissen, wonach er suchte. Heute Nacht wusste er es plötzlich: der Mond. Es war wie eine Eingebung. Der Mond rief ihn zu sich. Wieso Mikael das wusste und es nicht einmal hinterfragte, konnte er selbst nicht sagen. Er sprach mit niemandem darüber. Die Schwestern hätten ihn sicher für solchen Unfug wieder gezüchtigt oder den Mund mit Seife ausgewaschen.
Die Nacht war sternenklar, als er das Waisenhaus durch den Hinterausgang verließ. Niemand hatte ihn aufgehalten, als habe niemand bemerkt, dass er sich davon gestohlen hatte. Das lange Liegen hatte seinen Körper geschwächt, doch es zog ihn weiter, fort vom Haus. Der Mond rief ihn in Richtung Wald und Mikael folgte dem Ruf.
Dann erklomm der Vollmond gleißend hell die Wipfel der Bäume und Mikael sank mit einem Ausdruck des Grauens und schreiend vor Schmerzen auf die Knie. Als er vornüber fiel, sah er, dass er keine Finger mehr hatte. Seine Hände waren geschrumpft und mit Fell überwachsen, das sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Seine Gliedmaßen brachen und setzten sich neu zusammen und Mikael verlor die Besinnung vor Schmerz und Angst.
Als er wieder zu sich kam, war die Welt eine andere. Sie roch anders, sie klang anders, sie sah anders aus. Noch nie hatte er in der Nacht so viel erkennen können. Er hörte jedes leiseste Rascheln von Gras, spürte jeden noch so winzigen Windhauch, roch das Gras und die Erde und den Geruch der Menschen, der zu ihm herüber wehte. Er sah zu dem Waisenhaus und merkte erst jetzt, dass er auf vier Beinen stand. Er fühlte sich auch nicht mehr schwach, sondern stark. Stark und frei. Er legte den Kopf in den Nacken und heulte seine neue Freiheit, sein neues Leben in die Nacht. Mikael Gromow war ein Werwolf geworden und obwohl er das in diesem Moment selbst noch nicht wusste, war ihm klar, dass in diesem Moment sein Leben eine dramatische Wende nahm.
Er wandte sich um und lief in den Wald. Kleine, schnelle, leichtfüßige Schritte. Es machte Spaß, so zu laufen. Er sprang vor Freude ein paar Mal in die Luft, wälzte sich im Gras und verschwand in der Nacht.
-
Am nächsten Morgen war alles vorbei. Frierend und zitternd lag er auf einer Wiese. Sein ganzer Körper schmerzte, doch nicht von den Verletzungen, sondern von der Anspannung der Kälte und der Müdigkeit. Er hatte nur unklare Erinnerungen an die letzte Nacht und fragte sich, ob er das nicht doch alles nur geträumt hatte. Es musste so sein. Sicher lag er in einem Fiebertraum gefangen noch immer auf der Krankenstation. Todmüde schleppte er sich zurück und schlief zwei Tage komplett durch.
Als er am dritten Tag erwachte, fühlte er sich tatsächlich erholt und die Erinnerungen an die Nacht waren soweit verblasst, dass es wohl nur ein Traum gewesen sein konnte. Die Schwestern sprachen von einem Wunder und entließen ihn am darauffolgenden Tag.
-
Die Veränderungen fielen zunächst nicht direkt auf. Doch mit der Zeit konnte Mikael nicht die Augen davor verschließen, dass sich etwas an ihm verändert hatte. Wenn er hinfiel, heilten die Schürfwunden binnen weniger Stunden gänzlich ab – und es schien immer schneller zu gehen. Wenn er etwas Schweres hob, schien es ihm leichter als vor der ominösen Nacht zu fallen. Beim Laufen war er plötzlich Klassenbester. Und wenn er mit anderen Kindern Streit hatte, was oft vorkam, war nun er es, der den Streit für sich entschied. Nach wenigen Wochen wagte es niemand der Kinder oder Jugendlichen mehr, sich gegen ihn zu stellen. Ihn zu verhöhnen oder ihm Streiche zu spielen. Je mehr Vollmonde kamen und gingen, desto mehr Sicherheit gewann Mikael in seiner neuen Doppelgestalt. Er wusste, in ihm wohnte eine neue Kraft, die niemand sonst besaß. Diese neue Kraft machte ihn unbesiegbar. Genau, wie Stjephan gesagt hatte. Er war der stärkste Junge von allen.
Schon bald wurde er der Anführer einer Bande, die die Regeln im Waisenhaus bestimmte. Die Hierarchien waren klar geregelt und wer neu war, musste sich fügen. Die Schwestern, die das Waisenhaus leiteten, hatten keine Chance. Sie versuchten sich an Disziplinarmaßnahmen, doch sie hatten immer weniger Erfolg damit. Mikael begriff, dass Kraft und Stärke Sicherheit bedeuteten. Er erhielt keine Schläge mehr, keine Kniffe und Tritte der anderen, sie überließen ihm die beste Matratze im Schlafsaal. Er hatte gelernt sich zu wehren und Kraft bedeutete Respekt. Und je älter er wurde, je deutlicher seine Figur vom kleinen, elfjährigen, verängstigten Jungen zu einem Heranwachsenden reifte, der aus enormer Kraft und Muskeln zu bestehen schien, desto mehr lernte Mikael die Einsamkeit kennen. Er war nicht wie die anderen. Niemand war wie er. Bis eines Tages Elias kam.
Elias war gerade sechs Jahre alt, als er ins Waisenhaus kam. Er sprach nicht und schien Schreckliches erlebt zu haben. Er weckte auf nie dagewesene Art und Weise Mikaels Beschützerinstinkt. Er brach einem Jungen beide Arme, der versucht hatte, Elias in einem Schweinetrog zu ertränken, bis dieser aufgeben sollte. Einem anderen rasierte er nachts den Schädel kahl, der Elias an den Haaren zurück gehalten und ihm dabei ein großes Büschel grob ausgerissen hatte.
Dennoch weinte Elias viel und Mikael wusste kein Heilmittel gegen Tränen. Mikael bemerkte, dass er die Angst, die Freude oder Wut des Jungen riechen konnte. Das irritierte ihn. Er ging sicherheitshalber auf Abstand zu Elias, durchstreifte nachts die Wälder und entdeckte, dass die Nacht sein Freund geworden war. Er konnte alles hören, sehen und riechen, wo normale Menschen blind und taub waren. Er war stärker und schneller als jeder seiner Brüder des Waisenhauses. Und er hatte keine Erklärung dafür, was in den Vollmondnächten mit ihm passierte.
Ein Jahr verging und ein neues Jahr brach an. Es wurde März, die Luft wurde wieder wärmer und die Unruhen im Land tobten immer noch. Nach einer weiteren Vollmondnacht, die Mikael im Wald verbracht hatte, kehrte er im Morgengrauen zurück. Nichts verriet mehr den kleinen, hilflosen Jungen in ihm, der er vor vier Jahren gewesen war. Er war groß gewachsen, mit dunklen Haaren und grauen Augen, die je nach Stimmungslage fast schwarz werden konnten. Sein Kreuz war breit und sein Körper drahtig und trainiert. Seine Kleidung war oft zerrissen oder löchrig, er lief meistens barfuß und hatte immer die gesamte Umgebung aufmerksam im Blick. So entging ihm auch nicht das hastige Zuziehen des groben Gardinenstoffs an dem Fenster, an dem Elias‘ Bett stand. Als er in den Schlafsaal trat, sahen sie ihn alle schweigend an.
„Du bist ein Monster“, sagte Tomas, einer der Jungen, die älter waren als Mikael. „Wir haben alles gesehen, Gromow. Du bist ein Monster!“
Mikael spürte, wie er blass wurde. Dann wütend. Was dachten sie sich eigentlich? Seine Augen wurden dunkel, als er das Bettende umfasste. „Ihr habt gar nichts gesehen!“, sagte er wütend und merkte nicht, wie sich ein leises Knurren in seine Stimme schlich. „Sag das noch einmal, Tomas, und ich werfe dich aus dem Fenster!“
Tomas blieb erstaunlich ruhig und schüttelte den Kopf. „Dann schmeißen sie dich hinterher. Was hast du dann davon?“
„Willst du mir drohen? Was wollt ihr denn gesehen haben? Und wer soll euch glauben?!“
„Du gibst es also zu? Du bist ein Tier, Gromow! Ein Tier!“
Brüllend stürzte Mikael nach vorn, direkt auf Tomas zu, packte ihn an den Schultern und warf ihn quer durch den Raum. Seine Augen glühten schwarz. Ächzend versuchte Tomas, wieder hoch zu kommen und hielt sich den blutenden Kopf.
Mikael ging zu ihm und trat ihm zwischen die Schulterblätter. Es krachte bedenklich.
„Nenn mich noch einmal Tier und ich sorge dafür, dass du nur noch krabbeln kannst!“, knurrte er ihm drohend zu und ließ von ihm ab. Die anderen sahen ihn erschrocken und entsetzt an. Ablehnung traf ihn, Wut und Angst. Niemand sagte ein Wort, doch Mikael wusste, er konnte hier nicht länger bleiben. Er sah ein letztes Mal zu Elias, der ihn aus großen, ängstlichen Augen ansah. Dann dreht er sich um und verließ den Schlafsaal und das Waisenhaus. Er nahm Kurs auf den Wald. Das Waisenhaus war nicht länger sein Zuhause. Er war kein Tier. Er war Mikael Gromow. Er war der Stärkste von allen. Und sie akzeptierten ihn nicht mehr. Nannten ihn Monster. Sie hatten alles gesehen. Hier war er nicht mehr sicher.
Er begann zu laufen und fand sich plötzlich auf allen Vieren wieder. Er hatte die Verwandlung überhaupt nicht gemerkt. Irritiert sah er nach oben. Der Vollmond war längst unter gegangen, die Sonne begann über den Horizont zu klettern. Dennoch war er ein Wolf geworden. Er blieb stehen, drehte sich um sich herum und heulte freudig auf. Er war nicht an den Vollmond gebunden, er konnte jederzeit seine Gestalt wechseln. Wut und Enttäuschung wichen zurück, ein neues Gefühl der Stärke und Entschlossenheit traten an ihre Stelle. Er war Mikael Gromow, ein Werwolf. Er war anders als alle anderen. Er war frei. Er war frei und niemand würde ihn mehr aufhalten.
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Eine dieser Facetten ist der Junge Mikael, der in den Zeiten der Unruhen und Kriege des ehemaligen Jugoslawien aufwächst, dessen Eltern früh versterben und dem nur sein Bruder Stjephan bleibt. Dann wird Stjephan krank und Mikaels Weg beginnt...
Eins: Der stärkste Junge der Welt
Die Nacht war beinahe um, als Mikael erwachte. Sein Rücken schmerzte von der ungewohnten Position. Er war im Sitzen eingeschlafen am Bett seines Bruders Stjephan. Wie an so vielen Abenden der letzten Monate.
Stjephan lag im Sterben. Und es gab nichts, was Mikael dagegen tun konnte. Nichts, um seinen fünf Jahre älteren Bruder, der ihn aufzog seit dem Tod ihrer Eltern, bei sich zu halten. Im Leben. An seiner Seite. Er brauchte ihn doch. Er durfte ihn nicht auch noch verlieren.
Stjephan war dünn und blass geworden. Die Haut spannte über seine Knochen und er hatte vor einigen Tagen aufgehört zu essen. Einfach so. Mikael verstand es nicht und versuchte wieder und wieder, ihn zu überreden. Doch Stjephan kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Mikael wurde wütend und schrie seinen Bruder an, weinte und flehte. Doch es half nichts. Stjephan hatte aufgegeben. Der Krebs war stärker und Stjephan reichte dem Tod die Hand. Jeden Morgen fürchtete Mikael, sein Bruder habe bereits aufgehört zu atmen und jeden Morgen sah er panisch in dessen Gesicht und auf die Bettdecke, die sich beruhigender Weise jeden Morgen weiterhin ganz sachte hob und senkte.
Auch diesen Morgen schlief Stjephan nur, doch Mikael spürte, dass etwas anders war. Tiefe, dunkle Verzweiflung griff nach ihm, als er die klamme, kalte Hand seines Bruders in die seine schloss.
„Stjephan?“, flüsterte er leise und sah ihn aus großen Augen an. „Stjephan, wach auf. Bitte.“
Stjephan blinzelte müde und er hatte Mühe, Mikael zu fokussieren. Dann lächelte er matt und hob schwerfällig den Arm. Jede kleinste Bewegung schien ihn ungeheuer anzustrengen.
„Mein kleiner Mika“, sagte Stjephan und Mikael schluckte schwer. Es fühlte sich nach Abschied an. Nach einem endgültigen Abschied. „Du bist so tapfer. Du bist viel stärker als ich es jemals sein kann. Du bist der stärkste Junge auf der Welt, Mika. Sag es mir.“
Mikael musste noch zwei Mal schlucken, bis er seine Sprache wieder fand. „Ich bin… ich bin der stärkste Junge der Welt“, flüsterte er und traute sich nicht einmal zu blinzeln aus Angst, Stjephan wäre im nächsten Augenblick verschwunden.
Stjephan schüttelte leicht den Kopf. „Das kannst du besser. Überzeuge mich. Sei stark!“
Mikael richtete sich etwas auf und straffte die Schultern, wie sein Bruder es ihm beigebracht hatte. „Ich bin der stärkste Junge der Welt!“, sagte er mit festerer Stimme. Stjephan lächelte.
„Das war schon viel besser. Erinnerst du dich daran, was du mir versprochen hast, Mika?“
Mikael nickte zaghaft. Es war ein schweres Versprechen gewesen und er hoffte, er konnte es einhalten. Nein, er würde es einhalten. Er würde alles dafür tun, es einzuhalten.
„Sag es mir.“
Mikael zögerte kurz und blickte etwas zur Seite, dann sah er seinen Bruder wieder an. Gezeichnet von der Krankheit, die ihn auszehrte und ihm das Leben stahl. Dann erinnerte er sich an die Worte und leise Entschlossenheit kehrte in seine Stimme und seinen Blick zurück. „Ich werde für mich und mein Leben kämpfen. Ich werde mich nicht unterordnen oder zu Dingen zwingen lassen, die ich nicht will. Ich bin stark. Ich bin der Stärkste. Ich habe keine Angst.“
Stjephan sah ihn ernst an. „Weißt du auch, was das bedeutet, Mika?“
Mikael nickte langsam. „Egal, was andere mir einreden wollen. Ich bin stark und ich bin ein Kämpfer! Niemand kann mich zu was zwingen“, sagte er das, was er mit seinen elf Jahren verstand.
Stjephan lächelte und strich seinem Bruder sanft über die Wange. „Ganz genau. Du bist Mikael Gromow. Vergiss das nie. Ich weiß, du wirst Mutter und Vater stolz machen.“
„Und dich“, sagte Mikael und wieder bekam seine Stimme einen so komischen Klang. „Dich will ich auch stolz machen.“
Stjephan‘ Lächeln wurde breiter. „Das wirst du, mein kleiner Mika. Nein, das hast du schon. Ich bin sehr, sehr stolz auf dich. Ich werde immer bei dir sein, wo immer du bist. Wir werden immer eine Familie sein, Mikael. Immer.“
„Immer“, wiederholte Mikael leise und es war ein Versprechen.
Er saß weiterhin an Stjephans Bett, jede Nacht, in der es ihm möglich war. Stjephan schien mit jedem Tag weniger zu werden und am Ende war es Mikael, als sei dieser beinahe durchsichtig geworden. Er entschwand wie ein Geist aus dieser Welt und hauchte mit jedem verbleibenden Atemzug sein Leben ein wenig mehr aus. In Mikaels Gedanken gab es nur noch zwei Worte: Stärke und Immer.
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Zwei Monate waren vergangen und das Waisenhaus war dunkel und modrig. Es gab kaum freudige Stunden in diesen Tagen der Unruhen und Mikael hatte aufgehört, ein Kind zu sein. Er war nun der letzte Gromow seiner Familie, der noch lebte. Der Letzte, der Stärke zeigen konnte. Der überlebte.
Sie hatten sein Elternhaus besetzt und ihm gesagt, er wäre zu klein, um allein zu leben. Hatten ihn in ein altes, modriges Haus gesteckt, dass sie „Waisenhaus“ nannten und das er nun als sein Zuhause ansehen sollte. Mikael hasste diesen Ort. Es gab schlechtes Essen, strenge Regeln und keine Liebe. Nur harte Betten und Verwahrlosung. Mikael suchte wieder und wieder nach Wegen, den geforderten Gehorsam zu umgehen. Er wollte Macht für sich selbst. Stärke.
Es begann damit, dass er kleinere Dinge stahl, die anderen Kindern wichtig waren. Er begann, Streitereien und Prügeleien anzuzetteln und lehnte die Anweisungen der Erzieherinnen des Waisenheimes offen ab. Die Disziplinarmaßnahmen ließ er über sich ergehen. Er wusste, aus jeder von ihnen ging er stärker hervor. Sie züchtigten ihn, doch sie erreichten ihn nicht. Er wurde vom Unterricht ausgeschlossen, in sein Zimmer gesperrt und erhielt Tage- oder wochenlang Hausarrest. Mikael schmiedete in dieser Zeit Pläne, wie er endlich frei wurde. Vielleicht konnte er sich einer Miliz anschließen. Es war ihm egal, dass er erst elf Jahre alt war. In der Miliz konnte er frei sein und kämpfen, wie er es Stjephan versprochen hatte. Für Kroatien. Für die Freiheit. Er musste nur aus diesem Waisenhaus entkommen.
Die Dämmerung brach herein und Mikael schlenderte aus der Stadt zurück. Er wollte erst beim Waisenhaus sein, wenn es dunkel war und dann durch das Fenster an der Rückseite des Gebäudes klettern. Dann wäre er morgen früh in seinem Zimmer, wenn die Schwestern ihn weckten und niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Doch die Straße aus dem Ort heraus zum Waisenhaus, das etwas abgelegen auf einem Hügel stand, war lang und dunkel und manchmal fürchtete Mikael sich, wenn die Bäume im Wind raschelten und mit einander zu flüstern schienen. Manchmal glaubte er, sie redeten über ihn. Dann lief Mikael immer etwas schneller um den Stimmen zu entkommen, die aus den Schatten kamen.
Auch an diesem Abend überkam ihn ein fröstelndes Gefühl und er zögerte kurz. Vielleicht reichte es auch, wenn er am nächsten Morgen kurz vor Sonnenaufgang zurückkehrte. Das Frühgebet begann um 6 Uhr und bis dahin waren es noch viele Stunden. Andererseits war er müde und nicht sicher, ob er den Weg mitten in der Nacht auch wirklich fand. So setzte er zögernd einen Fuß auf den anderen, sah nervös in die Äste der Bäume. Sein Herz raste und er begann zu laufen. Er war ein Angsthase und er war froh, dass Stjephan nicht wusste, wie sehr er sich fürchtete. Er hätte ihn sicher ausgelacht.
Mit einem Mal hörte er Schritte hinter sich. Große, schwere Schritte. Dann ein Knurren. Mikael sah nach hintern und blickte in die dunklen Augen eines riesigen Wolfes. Noch nie hatte er ein derart riesiges Tier gesehen, obwohl er wusste, dass es in diese Wäldern am Rande von Zagreb Wölfe gab. Er hörte nachts manchmal ihr Heulen. Doch niemals hatte er sich die Wesen dazu derart furchterregend vorgestellt. Eher… mystisch. Kraftvoll.
Das interessierte den Wolf vor ihm aber kein bisschen. Mikaels Angst schien ihn eher anzuziehen. Er schrie auf, stürzte nach vorn und fiel in seiner Panik hin. Alte Geschichten von Monstern, die kleine Jungen fressen, kamen ihm in den Kopf und wie Stjephan ihn immer beruhigt hatte, wenn er aus einem Alptraum aufgewacht war. Er wünschte sich so sehr, aufzuwachen.
Er kam nicht mehr dazu, sich aufzurappeln, der Wolf war schneller. Mikael wimmerte und begann zu weinen. Ich sterbe, dachte er in blanker Panik. Vergib mir, Stjephan, ich habe es nicht geschafft. Ich bin nicht stark. Ich bin schwach und klein und habe entsetzliche Angst.
Er sah den großen Wolf über sich, dessen Augen dunkel und gierig waren und dessen Knurren in seinen Ohren dröhnte als sei es das einzige Geräusch der Welt. Dann war da nur noch Schmerz und Blut und brechende Knochen und die Nacht versank in Dunkelheit.
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Als Mikael zu sich kam, wusste er nicht, wie er hier her gekommen war. Er lag in einem mit sauberen, weißen Laken ausgekleidetem Bett, das leicht nach Kernseife roch. Er wollte sich umdrehen, zuckte aber vor Schmerz zusammen und schlug erschrocken die Augen auf. Was war mit ihm passiert? Angst überkam ihn und er begann zu weinen ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können.
„Shhht, kleiner Mikael. Du wurdest von einem Hund gebissen letzte Nacht. Wir fanden dich vor dem Tor heute Morgen. Du hast viel Blut verloren. Hab keine Angst. Es ist alles gut. Die Wunde wird heilen und bald sieht man davon nichts mehr. Der Hund war fort, wir haben ihn nicht gesehen.“ Schwester Jalinka saß an seinem Bett, wie er erst jetzt bemerkte. Er schämte sich seiner Tränen und trocknete sie verlegen ab. Schwester Jalinka strich ihm durch das Haar, das mal wieder hätte geschnitten werden müssen.
„Ich habe dir eine heiße Brühe gemacht. Die hilft bei dem Blutverlust. Ruh dich aus, Schlaf ist deine beste Medizin. Du brauchst viel Ruhe.“
Mikael bekam viel Brühe, viel Schlaf und viel Ruhe. Die Wunden schlossen sich schwer, aber sie taten es. Es dauerte Tage, bis er sich aufsetzen konnte. Dennoch ging es ihm nicht besser. Er fühlte sich schwach und krank und die Schwestern vermuteten schon eine Vergiftung oder eine Krankheit, die der Hund übertragen haben könnte. Mikael schlief viel und merkte nicht, wie der Vollmond näher und näher rückte.
Drei Wochen lag er auf der Krankenstation, trank Brühe und wimmerte vor Schmerzen. Die Knochenbrüche hielten ihn vom Schlaf ab, Alpträume in der Nacht ließen ihn aufschrecken. Wieder und wieder sah er den Wolf vor sich, spürte er dessen Zähne an seinem Hals, roch er dessen heißen Atem. Jedes Mal erwachte er schreiend und mit mehr Schmerzen als zuvor. Es wollte einfach nicht heilen.
Der herannahende Mond machte alles noch schlimmer, ohne, dass Mikael wusste, woran es lag. Doch sein Körper spürte es. Und als die Nacht gekommen war, wurde Mikael unruhig. Seit einigen Tagen hatte er nur schwer schlafen können. Sein Körper fühlte sich anders an als zuvor, doch er konnte nicht sagen, was genau sich verändert hatte. Wieder und wieder blickte er abends aus dem großen Fenster, ohne zu wissen, wonach er suchte. Heute Nacht wusste er es plötzlich: der Mond. Es war wie eine Eingebung. Der Mond rief ihn zu sich. Wieso Mikael das wusste und es nicht einmal hinterfragte, konnte er selbst nicht sagen. Er sprach mit niemandem darüber. Die Schwestern hätten ihn sicher für solchen Unfug wieder gezüchtigt oder den Mund mit Seife ausgewaschen.
Die Nacht war sternenklar, als er das Waisenhaus durch den Hinterausgang verließ. Niemand hatte ihn aufgehalten, als habe niemand bemerkt, dass er sich davon gestohlen hatte. Das lange Liegen hatte seinen Körper geschwächt, doch es zog ihn weiter, fort vom Haus. Der Mond rief ihn in Richtung Wald und Mikael folgte dem Ruf.
Dann erklomm der Vollmond gleißend hell die Wipfel der Bäume und Mikael sank mit einem Ausdruck des Grauens und schreiend vor Schmerzen auf die Knie. Als er vornüber fiel, sah er, dass er keine Finger mehr hatte. Seine Hände waren geschrumpft und mit Fell überwachsen, das sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Seine Gliedmaßen brachen und setzten sich neu zusammen und Mikael verlor die Besinnung vor Schmerz und Angst.
Als er wieder zu sich kam, war die Welt eine andere. Sie roch anders, sie klang anders, sie sah anders aus. Noch nie hatte er in der Nacht so viel erkennen können. Er hörte jedes leiseste Rascheln von Gras, spürte jeden noch so winzigen Windhauch, roch das Gras und die Erde und den Geruch der Menschen, der zu ihm herüber wehte. Er sah zu dem Waisenhaus und merkte erst jetzt, dass er auf vier Beinen stand. Er fühlte sich auch nicht mehr schwach, sondern stark. Stark und frei. Er legte den Kopf in den Nacken und heulte seine neue Freiheit, sein neues Leben in die Nacht. Mikael Gromow war ein Werwolf geworden und obwohl er das in diesem Moment selbst noch nicht wusste, war ihm klar, dass in diesem Moment sein Leben eine dramatische Wende nahm.
Er wandte sich um und lief in den Wald. Kleine, schnelle, leichtfüßige Schritte. Es machte Spaß, so zu laufen. Er sprang vor Freude ein paar Mal in die Luft, wälzte sich im Gras und verschwand in der Nacht.
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Am nächsten Morgen war alles vorbei. Frierend und zitternd lag er auf einer Wiese. Sein ganzer Körper schmerzte, doch nicht von den Verletzungen, sondern von der Anspannung der Kälte und der Müdigkeit. Er hatte nur unklare Erinnerungen an die letzte Nacht und fragte sich, ob er das nicht doch alles nur geträumt hatte. Es musste so sein. Sicher lag er in einem Fiebertraum gefangen noch immer auf der Krankenstation. Todmüde schleppte er sich zurück und schlief zwei Tage komplett durch.
Als er am dritten Tag erwachte, fühlte er sich tatsächlich erholt und die Erinnerungen an die Nacht waren soweit verblasst, dass es wohl nur ein Traum gewesen sein konnte. Die Schwestern sprachen von einem Wunder und entließen ihn am darauffolgenden Tag.
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Die Veränderungen fielen zunächst nicht direkt auf. Doch mit der Zeit konnte Mikael nicht die Augen davor verschließen, dass sich etwas an ihm verändert hatte. Wenn er hinfiel, heilten die Schürfwunden binnen weniger Stunden gänzlich ab – und es schien immer schneller zu gehen. Wenn er etwas Schweres hob, schien es ihm leichter als vor der ominösen Nacht zu fallen. Beim Laufen war er plötzlich Klassenbester. Und wenn er mit anderen Kindern Streit hatte, was oft vorkam, war nun er es, der den Streit für sich entschied. Nach wenigen Wochen wagte es niemand der Kinder oder Jugendlichen mehr, sich gegen ihn zu stellen. Ihn zu verhöhnen oder ihm Streiche zu spielen. Je mehr Vollmonde kamen und gingen, desto mehr Sicherheit gewann Mikael in seiner neuen Doppelgestalt. Er wusste, in ihm wohnte eine neue Kraft, die niemand sonst besaß. Diese neue Kraft machte ihn unbesiegbar. Genau, wie Stjephan gesagt hatte. Er war der stärkste Junge von allen.
Schon bald wurde er der Anführer einer Bande, die die Regeln im Waisenhaus bestimmte. Die Hierarchien waren klar geregelt und wer neu war, musste sich fügen. Die Schwestern, die das Waisenhaus leiteten, hatten keine Chance. Sie versuchten sich an Disziplinarmaßnahmen, doch sie hatten immer weniger Erfolg damit. Mikael begriff, dass Kraft und Stärke Sicherheit bedeuteten. Er erhielt keine Schläge mehr, keine Kniffe und Tritte der anderen, sie überließen ihm die beste Matratze im Schlafsaal. Er hatte gelernt sich zu wehren und Kraft bedeutete Respekt. Und je älter er wurde, je deutlicher seine Figur vom kleinen, elfjährigen, verängstigten Jungen zu einem Heranwachsenden reifte, der aus enormer Kraft und Muskeln zu bestehen schien, desto mehr lernte Mikael die Einsamkeit kennen. Er war nicht wie die anderen. Niemand war wie er. Bis eines Tages Elias kam.
Elias war gerade sechs Jahre alt, als er ins Waisenhaus kam. Er sprach nicht und schien Schreckliches erlebt zu haben. Er weckte auf nie dagewesene Art und Weise Mikaels Beschützerinstinkt. Er brach einem Jungen beide Arme, der versucht hatte, Elias in einem Schweinetrog zu ertränken, bis dieser aufgeben sollte. Einem anderen rasierte er nachts den Schädel kahl, der Elias an den Haaren zurück gehalten und ihm dabei ein großes Büschel grob ausgerissen hatte.
Dennoch weinte Elias viel und Mikael wusste kein Heilmittel gegen Tränen. Mikael bemerkte, dass er die Angst, die Freude oder Wut des Jungen riechen konnte. Das irritierte ihn. Er ging sicherheitshalber auf Abstand zu Elias, durchstreifte nachts die Wälder und entdeckte, dass die Nacht sein Freund geworden war. Er konnte alles hören, sehen und riechen, wo normale Menschen blind und taub waren. Er war stärker und schneller als jeder seiner Brüder des Waisenhauses. Und er hatte keine Erklärung dafür, was in den Vollmondnächten mit ihm passierte.
Ein Jahr verging und ein neues Jahr brach an. Es wurde März, die Luft wurde wieder wärmer und die Unruhen im Land tobten immer noch. Nach einer weiteren Vollmondnacht, die Mikael im Wald verbracht hatte, kehrte er im Morgengrauen zurück. Nichts verriet mehr den kleinen, hilflosen Jungen in ihm, der er vor vier Jahren gewesen war. Er war groß gewachsen, mit dunklen Haaren und grauen Augen, die je nach Stimmungslage fast schwarz werden konnten. Sein Kreuz war breit und sein Körper drahtig und trainiert. Seine Kleidung war oft zerrissen oder löchrig, er lief meistens barfuß und hatte immer die gesamte Umgebung aufmerksam im Blick. So entging ihm auch nicht das hastige Zuziehen des groben Gardinenstoffs an dem Fenster, an dem Elias‘ Bett stand. Als er in den Schlafsaal trat, sahen sie ihn alle schweigend an.
„Du bist ein Monster“, sagte Tomas, einer der Jungen, die älter waren als Mikael. „Wir haben alles gesehen, Gromow. Du bist ein Monster!“
Mikael spürte, wie er blass wurde. Dann wütend. Was dachten sie sich eigentlich? Seine Augen wurden dunkel, als er das Bettende umfasste. „Ihr habt gar nichts gesehen!“, sagte er wütend und merkte nicht, wie sich ein leises Knurren in seine Stimme schlich. „Sag das noch einmal, Tomas, und ich werfe dich aus dem Fenster!“
Tomas blieb erstaunlich ruhig und schüttelte den Kopf. „Dann schmeißen sie dich hinterher. Was hast du dann davon?“
„Willst du mir drohen? Was wollt ihr denn gesehen haben? Und wer soll euch glauben?!“
„Du gibst es also zu? Du bist ein Tier, Gromow! Ein Tier!“
Brüllend stürzte Mikael nach vorn, direkt auf Tomas zu, packte ihn an den Schultern und warf ihn quer durch den Raum. Seine Augen glühten schwarz. Ächzend versuchte Tomas, wieder hoch zu kommen und hielt sich den blutenden Kopf.
Mikael ging zu ihm und trat ihm zwischen die Schulterblätter. Es krachte bedenklich.
„Nenn mich noch einmal Tier und ich sorge dafür, dass du nur noch krabbeln kannst!“, knurrte er ihm drohend zu und ließ von ihm ab. Die anderen sahen ihn erschrocken und entsetzt an. Ablehnung traf ihn, Wut und Angst. Niemand sagte ein Wort, doch Mikael wusste, er konnte hier nicht länger bleiben. Er sah ein letztes Mal zu Elias, der ihn aus großen, ängstlichen Augen ansah. Dann dreht er sich um und verließ den Schlafsaal und das Waisenhaus. Er nahm Kurs auf den Wald. Das Waisenhaus war nicht länger sein Zuhause. Er war kein Tier. Er war Mikael Gromow. Er war der Stärkste von allen. Und sie akzeptierten ihn nicht mehr. Nannten ihn Monster. Sie hatten alles gesehen. Hier war er nicht mehr sicher.
Er begann zu laufen und fand sich plötzlich auf allen Vieren wieder. Er hatte die Verwandlung überhaupt nicht gemerkt. Irritiert sah er nach oben. Der Vollmond war längst unter gegangen, die Sonne begann über den Horizont zu klettern. Dennoch war er ein Wolf geworden. Er blieb stehen, drehte sich um sich herum und heulte freudig auf. Er war nicht an den Vollmond gebunden, er konnte jederzeit seine Gestalt wechseln. Wut und Enttäuschung wichen zurück, ein neues Gefühl der Stärke und Entschlossenheit traten an ihre Stelle. Er war Mikael Gromow, ein Werwolf. Er war anders als alle anderen. Er war frei. Er war frei und niemand würde ihn mehr aufhalten.
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