Changing Woman (Aftermath Char-Vorgeschichte)
Verfasst: Mo 6. Jun 2016, 20:17
Eine kleine Vorgeschichte zu meinem Char bei Aftermath.
Changing Woman
April 2012
Es war einer jener Augenblicke, die Shadi am Liebsten ausgelassen hätte. Einer jener Momente, in denen sie sich fragte, wo die Große Mutter Erde eigentlich war, wenn man sie mal brauchte. Die Fratze des Aliens starrte direkt durch das zersplitterte Glas der Autoscheibe, die nun in vielen Einzelteilen auf dem von ihrer Handtasche beanspruchten Platz neben ihr lag. Ihr blieb der Atem weg, als sich dieses Aliending zu ihr vorbeugte. Irgendein Schleim, der von dem, was der Mund sein sollte und sie doch eher an eine Fratze erinnerte, herunterhing, drohte auf ihre Hand, die krampfhaft versuchte, den Gurt zu lösen, zu tropfen. Schnell zog Shadi die Hand weg und runzelte angeekelt die Stirn, als sie sah, dass sie das doch berühren musste, wenn sie aus dem Auto herauskommen wollte, bevor irgendwelche Trümmerteile des angrenzenden Gebäudes das Taxi plattdrückten, wie es bereits mit dem Fahrzeugen vor, hinter und neben ihr geschehen war. Der Taxifahrer selbst, ein sehr wahrscheinlich sehr zugekiffter Rastafari, starrte wie gebannt auf Captain America, der direkt vor ihnen auf den Trümmern des Fahrzeugs stand und sein Schild auf den Alien an der zerstörten Fensterscheibe warf. Der Alien wich aus und zog dankbarerweise dabei seinen Oberkörper wieder aus dem Auto heraus. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass er getroffen wurde. Schnell zog Shadi ihren Ärmel über ihre Hand und löste den Gurt. In dem Augenblick flog der Alien direkt auf das Dach des Autos, dessen Delle Shadi eine Beule bescherte, die sie panisch aufschreien ließ - die künftig aber auch ihre geringste Sorge sein sollte...
Irgendwie schaffte sie es, aus dem Wagen zu taumeln und geistesgegenwärtig öffnete sie die Fahrertür. Der Mann schien sichtlich verstört und als sie ihre Hand ausstreckte, um den nicht angeschnallten Mann aus dem Fahrzeug zu ziehen, griff die graue Hand, die von ebenfalls gräulicher Flüssigkeit verklebt war, nach ihrem Arm. Ein tiefer Kratzer zierte die Stelle, die er berührte, die sie erst jetzt bemerkte. Sie musste von der zerbrochenen Autoscheibe stammen. Bleich sah sie den ziemlich geschundenen Arm entlang und in das Gesicht des Aliens, das sie nie mehr vergessen sollte.
3 Wochen zuvor.
"Shadi, mein Schatz", hörte sie die Stimme ihrer über alles geliebten Mutter auf der alten Sprache ihres Stammes, was Shadi ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
Der Window Rock Airport war an diesem Tag gut besucht, aber es war nicht soviel los, dass man sich durch die Massen drängeln musste. Das musste man hier nie. Window Rock mochte die Hauptstadt der Navajo Nation Reservation sein. Aber sie hatte auch nur knapp über 3000 Einwohner.
"Mutter, ich habe dich vermisst", sagte sie ehrlich, als sie die ältere Frau in die Arme schloss.
"Schön, dass du endlich wieder zu Hause bist", erwiderte ihre Mutter lediglich und strich mit beiden Daumen über Shadis Wangen.
"Komm, dein Vater erwartet dich schon."
Lächelnd packte Shadi ihre Tasche, die sie kurz darauf auf der Ladefläche des Jeeps, geparkt hatte. Den fuhr ihre Mutter seit etwa zehn Jahren und etwa genauso lange hatte er zumindest dem äußerlichen Anschein nach keine Autowäsche mehr gesehen.
"Warst du in den Canyons unterwegs?", fragte sie, als sie sich anschnallte.
"Die Schafe der Chetahos wurden von irgendeinem Tier angegriffen."
"Schon wieder?"
Shadi seufzte. Das war der vierte Angriff auf das Vieh von Angehörigen ihres Klans seit Beginn des Jahres.
"Ich würde auch gerne wieder nur zum Vergnügen raus. Aber dann auf dem Pferd", betonte ihre Mutter entschieden, die den Motor anließ.
Der Flughafen lag etwas außerhalb der Stadt und bald passierten sie die ersten traditionellen Hogans. Die fensterlosen, runden Gebäude säumten den Weg zwar selten, waren aber für Shadi jedes Mal ein wundervoller Anblick. Das war ihre Heimat und nach Hause kehren ließ sie ganz automatisch lächeln.
Schnell jedoch wurde ihr Ausdruck ernster. Denn es dauerte nicht lange, da eröffnete sich vor ihnen ein typischer Trailerpark, der laut herauszuschreien schien, was hier im Reservat alles nicht stimmte - und der Shadi betroffen aufseufzen ließ.
"Wie läuft es mit den Vorbereitungen zur Miss Navajo?"
Miss Navajo wurde keineswegs nach dem Aussehen gewählt. Vielmehr sollte sie die Kultur der Diné repräsentieren und hatte andere Prüfungen zu bestehen, als im Bikini möglichst stolperfrei über einen Laufsteg zu gehen. Shadi kannte sich da aus. Vor zehn Jahren war sie einst selbst gewählt worden. Das darauffolgende Jahr war anstrengend und lehrreich zugleich gewesen.
"Frag das deinen Vater, ich halte mich da raus", erwiderte ihre Mutter nur in ihrer typischen Weise, wenn es um ihren Vater ging.
Von Distanz zu sprechen wäre untertrieben. Shadi konnte sich nicht erinnern, dass sie mal so etwas wie Liebe in der Beziehung ihrer Eltern gesehen hatte. Und das hatte auch seinen guten Grund...
"Und du willst wirklich bei der UN anfangen?", hakte ihr Vater nach in englischer Sprache nach, der dies nur mit einem Kopfschütteln bedachte, wobei das kleine, silberne Kreuz an seinem Hals das Licht der Stehlampe reflektierte.
"Du hast gesehen, wie schwer die Politik an einem nagen kann, mein Kind", warnte er sie.
"Das war ein anderer Fall. Ich gehe nicht in die Lokalpolitik", wandte Shadi ein, nachdem sie den Bissen der wirklich köstlichen Pinienkernen-Suppe, die es aus dem Anlass ihrer Rückkehr als Vorspeise des Festessens gab, heruntergeschluckt hatte.
"Du solltest aufpassen. Traue niemandem. Erst recht nicht irgendwelchen Leuten, die meinen, was wirtschaftlich am Besten für unser Volk ist. Die hinterlassen nur verbrannte Erde", prophezeite ihr Vater, woraufhin Shadi leicht nickte.
"Ich weiß", sagte sie ernster und schob den leeren Teller von sich.
"Noch etwas Suppe?", bot ihre Mutter mit offener Geste an, wobei sie Navajo sprach, woraufhin Shadi schnell den Kopf schüttelte.
"Nicht, wenn ich noch was vom Hauptgang essen soll."
Der stand kurz darauf dampfend auf dem Tisch. Das würzig duftende Rindfleisch hatte ihre Mutter sehr ansehnlich um die Chilischoten herum drapiert. Ein sehr traditionelles Gericht, wie ihre Mutter ohnehin in allem was sie tat sehr traditionell war.
"Wie laufen die Vorbereitungen?", wiederholte Shadi die Frage, nachdem sie sich als Gast im Hause ihrer Eltern zuerst aufgetan hatte und darauf wartete, bis alle etwas auf dem Teller hatten.
"Zur Miss Navajo?", fragte ihr Vater eher rhetorisch und tat sich als Letztes auf.
"Etwas zäh", gestand er ein, "sie streiten sich mal wieder, ob ein Poetry Slam, wie letztes Jahr, in unserer Sprache vorgetragen wieder gestattet sein darf oder nicht."
Es war immer die gleiche Leier. Traditionalisten gegen Modernisierer und keine Seite wollte nachgeben. Shadi war die Tochter ihres Vaters und ihrer Mutter gleichermaßen und wählte gerne den Mittelweg. Der erschien ihr am Sinnvollsten. Bewahren, was es zu bewahren gibt, dabei aber nie die Zukunft aus den Augen lassen.
"Ich fand den gut", sagte Shadi lächelnd, die sich gerne an diese innovative Idee erinnerte.
Es war etwas Neues, inhaltlich und sprachlich aber kulturell wertvoll.
"Das hat nichts mit uns zu tun", wandte ihre Mutter streng ein, die die englische Sprache auch weiterhin vermied.
Schweigen. Ihre Eltern wechselten nur einen kurzen Blick, der alles verriet.
"Dein Rind ist köstlich", brach Shadi es nach einer kurzen Weile, in der die Mahlzeit schon fast komplett den Weg in ihren Magen gefunden hatte.
"Danke, mein Kind", erwiderte ihre Mutter, die ihre Hand nach ihr ausstreckte, um ihr über den Oberarm zu streicheln, was sie lächeln ließ.
Sie mochte die warmherzigen Gesten ihrer Mutter. Generell war ihre Mutter ein sehr gutherziger und freundlicher Mensch. Nicht jedoch, wenn es um ihren Vater ging.
"Freust du dich auf dein Abschiedsfest?"
"Ich kann es kaum erwarten."
Das traditionelle Fest, das bei einigen Klans der Diné, wie die Navajo sich selbst nannten, stattfand, wenn jemand im Auftrag des Klans hinaus in die Welt geschickt wurde, zu welchem Zwecke auch immer, fand drei Tage später statt. Sie übte sich an einem freundlichen Lächeln, als sie vor dem Spiegel ihres alten Kinderzimmers stand. Die vier nicht gerade kleinen Stammestätowierungen, die sie sich vor ihrem Studium nach alter, durchaus schmerzvoller Art, hatte stechen lassen, hoben sich auch nach sieben Jahren noch deutlich von ihrer Haut ab, was für die Qualität des Medizinmannes, der sie gefertigt hatte, sprach. Leider war er letztes Jahr in seinem Hogan verstorben, das daraufhin mit ihm im Inneren verbleibend, versiegelt und somit zur Grabstätte umfunktioniert worden war. Es war eine ehrenvolle Abschiedsfeier gewesen.
Sie griff nach dem Oberteil der Tracht, die auf einem Bügel an der Schranktür hin und zog sie sich über. Nachdem sie den Stoff glattgestrichen hatte, folgten Hals- und Armringe aus Knochen und festlicher Kopfschmuck. Wenn sie sich so betrachtete, bemerkte sie wieder einmal, dass sie viel zu selten zu Hause war, um an den hiesigen Festen teilzunehmen, deren einzigartige Stimmung sie nirgends in New York hatte wiederfinden können.
"Bist du soweit, Liebes?", hörte sie ihre Mutter rufen, woraufhin sie sich selbst noch einmal zunickte und das Zimmer verließ.
"Die Große Mutter Erde wird immer an deiner Seite sein, Older Sister", sprach der Medizinmann, der trotz seines gehobenen Alters erst seit einem Jahr im Amt war.
Man konnte sehen, wie es um seine Mundwinkel zuckte und Shadi konnte nicht umhin, ebenfalls zu schmunzeln. Den Namen Shadi, der Older Sister bedeutete, hatten ihre Eltern ihr gegeben, in der Hoffnung, es würden noch weitere Kinder dazukommen. Doch es war anders gekommen...
Das Feuer knisterte, das hier draußen vor den Toren der Stadt entzündet worden war. Sie standen in einem Kreis darum herum, wobei Shadi und der Mann mit den Falten sich, der so viele Jahre bei seinem Mentor gelernt hatte, bis er grau geworden war, abgesetzt etwas näher am Feuer gegenüberstanden.
Ihr Vater war erschienen und hatte aus Respekt vor den Ahnen das Kreuz abgelegt.
"Die sich wandelnde Frau wird deinen Wandel begleiten und du wirst reicher an Erfahrungen zu uns zurückkehren und uns letztlich alle bereichern."
Shadi schenkte dem alten Mann ein warmes Lächeln, dann nahm sie die vier Beutel mit beiden Händen an, die er ihr reichte.
"Ehre dein Volk in der Fremde, nimm den Mais für den Norden, die Bohnen für den Osten, die Kürbiskerne für den Süden und den Tabak für den Westen mit in dein neues Heim, das dir niemals Heimat werden soll", betonte er, woher sie kam.
Er sprach noch ein paar Beschwörungen an die Götter, besonders an Mutter Erde, die sie beschützen sollte. Es war allgemein eine sehr feierliche Stimmung. Vier Frauen begannen zu singen, ein altes Lied zu Ehren der sich wandelnden Frau, in das bald alle mit einstimmten. Und auch Shadi sang voller Inbrunst mit. Schließlich wurde ausgelassen getanzt und gefeiert, wobei kein einziger Tropfen Alkohol floss.
Alkohol, die Nemesis der First Nations.
"Bitte pass auf dich auf", bat ihre Mutter, die sie zwei weitere Tage später wieder am Flughafen abgeliefert hatte.
Ihr Vater war wieder nicht dabei. Er war auch nicht der Typ für rührende Abschiedsszenen.
"Immer, Mutter, versprochen", erwiderte Shadi und umarmte ihre Mutter, der schon Tränen in den Augenwinkeln glitzerten.
"Und überarbeite dich nicht, mein Kind", flüsterte ihre Mutter.
"Bete und opfere immer schon regelmäßig."
"Natürlich", sagte sie zu und schenkte ihrer Mutter noch ein Lächeln, bevor sie sich auf den Weg zum Flugzeug machte.
Es war eine Propellermaschine. Sie persönlich bevorzugte die düsenbetriebenen Flugzeuge. Die Propellergeräusche machten sie nachgerade nervös. Den Weg nach New York nutzte sie, um sich einzuarbeiten. Es war eine herausfordernde Aufgabe, bei der UN die Navajo Nation zu repräsentieren. Sie war gewählte Vertreterin und Botschafterin ihres Stammes gleichermaßen. Es war eine große Ehre und sie wusste, dass sie generell viel Glück in ihrem Leben gehabt hatte. Nicht gerade wenige Navajo lebten unter der Armutsgrenze und Arbeitslosigkeit und Alkoholismus führten zu einer Perspektivlosigkeit, die die Selbstmordrate selbst bei den Jugendlichen im letzten Jahrhundert in schwindelerregende Höhen getrieben hat. Auch da wollte sie auf internationaler Ebene etwas erreichen. Die Navajo waren nicht die einzigen Ureinwohner auf der Welt, die dieses Schicksal getroffen hat. Und im Vergleich alleine nur mit anderen Stämmen auf Territorium der USA hatten sie es noch vergleichsweise gut.
"Das hier vorne ist Ihr Büro", wurde Shadi von einem Saaldiener schließlich in eben jenes gebracht, als sie weitere fünf Tage später gerade einmal zum dritten Mal in ihrem Leben das UN Gebäude betreten hatte.
"Willkommen bei den Vereinten Nationen, Miss Begaye", sagte der Mann, der höflich in der Tür stehen blieb.
"Wenn Sie etwas benötigen, wählen Sie dreimal die Null, so erreichen Sie mich und meine Kollegen."
"Vielen Dank für Ihre Mühen", bedankte sie sich und nickte dem Mann zum Abschied zu, der die Tür hinter sich schloss.
"Da wären wir also", sagte sie zu sich selbst und drehte sich einmal im Kreis.
Das Büro war nicht gerade klein und sehr hell eingerichtet. Etwas zu modern für ihren Geschmack, aber das konnte sie im Laufe der Zeit ja noch ihren persönlichen Bedürfnissen anpassen.
Sie trat an die Schränke und öffnete testweise einige Schubladen, die sehr flüssig in den Schienen liefen. Dann schaltete sie das Radio ein.
"Danke Veronica für die heiteren Aussichten. Und jetzt noch eine Meldung für die, die das Großereignis nächste Woche kaum erwarten können. Kurz vor der Eröffnung des Stark Towers hier in New York gab es einen Zwischenfall mit mehreren Leichtverletzten. Die Pressemitteilung spricht von einem Problem mit der Stromversorgung, das aber noch vor der Eröffnung nächste Woche behoben sein soll. Wir vom CBS Radio East bleiben für Sie dran. Jetzt hören wir erst einmal Musik, ein Newcomer aus der Bronx..."
Shadi hatte nur kurz aufgehorcht. Sie hatte selbstredend von Iron Man gehört und wusste nicht so recht, was sie von ihm halten sollte. Seine Öffentlichkeitspräsenz jedenfalls sprach stark für eine narzisstische Persönlichkeit. Was selbstredend auch Fassade sein könnte, wie bei vielen, die in der Öffentlichkeit stehen. Der frühere Waffenproduzent hatte jedenfalls ein Stein bei ihr im Brett, seit er öffentlich eben jener Tätigkeit abgeschworen und seine Erfindungen zumindest offenkundig für gute Taten eingesetzt hatte.
Die Musik plätscherte im Hintergrund vor sich her und Shadi erwischte sich dabei, wie sie das Stammeslied, das zu ihrem Abschied gesungen wurde, gegen die Melodie aus dem Radio ansummte. Schmunzelnd griff sie in einen Beutel, den sie dabei hatte und holte den kunstvoll gewebten Teppich heraus, den sie anschließend an die Wand gegenüber des Fensters nagelte. Auf den Schrank darunter stellte sie vier Schalen, in die sie die Beutel legte, die sie vom Medizinmann erhalten hatte. Zufrieden lächelnd strich sie noch einmal über den Teppich, fuhr die gut sichtbare Linie des Geistwegfadens nach und setzte sich anschließend an ihren Schreibtisch, um jenen ebenfalls einzurichten.
"Damit beende ich die heutige Sitzung des Minderheitenausschusses", sprach der Vorsitzende, der eine Anstecknadel mit dem Wappen des samischen Volkes in Nordeuropa trug, und erhob sich, woraufhin allgemeines Stühlerücken begann.
Shadi sammelte ihre Papiere ein und verstaute sie in der schwarzen, schmucklosen Aktentasche.
"Sie sind die Neue", wandte sich an der Tür eine männliche Stimme an sie.
Freundlich lächelnd drehte sie sich um und war wenig überrascht in das Gesicht eines Native American in den Mittvierzigern zu blicken.
"Ich bin neu. Ob ich die Neue bin kann ich nicht beurteilen", sagte sie schmunzelnd und trat hinaus in den Gang.
"Sie sind Navajo", stellte der junge Mann fest.
"Diné, genau", verbesserte sie leicht nickend.
"Sie können aber auch einfach Shadi zu mir sagen", bot sie freundlich an.
"Michael Kwahu", stellte der Mann sich vor.
Shadi hob eine Braue.
"Das ist ein Hopi-Name, richtig?"
"Allerdings", die Miene des Mannes war ernster geworden.
Shadi ahnte, dass dieses Gespräch keine gute Wendung nehmen würde.
"Sie haben mich nicht ohne Grund angesprochen", stellte Shadi fest.
"Auch das ist richtig."
Shadi seufzte und strich sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht, als sie stehen blieb, um dem Hopi direkt ins Gesicht zu blicken.
"Der letzte Vertrag zwischen Hopi und Navajo sieht eine klare Grenze Ihrer Enklave innerhalb der Navajo Nation vor. Ich sehe keinerlei Diskussionsbedarf", sagte sie ernst, blieb dabei aber freundlich.
"Das sieht mein Stamm anders, Miss Begaye", nutzte er weiter ihren Nachnamen, obgleich sie ihm den Vornamen angeboten hatte.
Die Distanz zwischen ihnen war nachgerade greifbar.
"Ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Ausschuss bringen. Ich wollte lediglich so freundlich sein, Sie vorzuwarnen."
Damit ließ er Shadi etwas überrumpelt stehen.
Sie war erst einige Tage im Amt. Sie hatte mit Schwierigkeiten gerechnet, gerade auch in solcherlei Belangen. Doch dass dies schon in der ersten Woche begann, war eine Überraschung.
Erschöpft schloss Shadi die Bürotür hinter sich und kontrollierte, ob sie auch ihren Wohnungsschlüssel hatte. Dort hatte sie auch noch einiges zu erledigen. Wenn sie endlich einen Assistenten gefunden hatte, würde sie es vielleicht auch ins Möbelhaus schaffen und nicht länger mit dem Nötigsten auskommen müssen. Sie hatte alles genau im Kopf, sie wusste exakt, welche Möbel und welche Accessoires sie wollte und wo sie hin sollten. In ihrer Vorstellung war alles perfekt!
Die Realität sah ein wenig spartanischer aus. Sie hatte nur das Nötigste.
Sie verließ das UN-Gebäude und winkte sich ein Taxi heran. Es dauerte etwas länger, bis schließlich endlich eines der Yellow Cabs vor ihr anhielt. Aus der Anlage dröhnte nicht gerade leise Bob Marley und der Fahrer war sehr offensichtlich mindestens dessen größter Fan, wenn nicht sogar selbst Jamaikaner und / oder Rastafari.
"Wohin soll's gehen, Miss?", fragte er sie, als Shadi hinten eingestiegen war.
Shadi nannte ihre Adresse und schnallte sich an. Die Handtasche deponierte sie auf dem freien Platz neben sich.
"Sie melden sich, wenn Sie die Musik stört", bot der Fahrer gut gelaunt an und Shadi meinte, einen sehr speziellen Geruch im Auto wahrzunehmen, der sie schmunzeln ließ.
"Lassen Sie nur", antwortete sie lachend und wollte noch etwas ergänzen, als das absolute Chaos losbrach...
"... wollte ich mich bei Ihnen allen für die wunderbare Zusammenarbeit bedanken", endete der Vorsitzende des Minderheitenausschusses.
Die Runde hatte sich erhoben und setzte zu Klatschen an. Shadi hatte ein Lächeln auf den Lippen.
"Danke, danke, ich bin noch nicht fertig", unterbrach der Same sie freundlich und bedeutete, ihnen sich zu setzen. Ein kurzes Stühlerücken begann und es kehrte wieder Ruhe ein.
"Ich habe die Zeit hier sehr genossen und hoffe, Sie werden auch nach meinem Ausscheiden aus meinen Ämtern weiterhin so konstruktiv zusammenarbeiten. Als Nachfolger schlage ich, dem kontinentalen Wechsel zufolge, Miss Shadi Begaye vor."
Shadi blinzelte und sah irritiert auf, während die Blicke nun auf ihr lagen. Damit hatte sie nicht gerechnet und ein kurzes Schweigen erfüllte den Raum. Schnell hob sie ihre verbundene Hand an den Mund und räusperte sich kurz.
"Ja, ähm, vielen Dank", sagte sie wenig vorbereitet.
Hier und da sah man ein Schmunzeln auf den Gesichtern. Die meisten blickten freundlich drein. Ihr Blick glitt zu Michael Kwahu, der aussah, als würde er gleich über den Tisch springen und sie erwürgen.
"Sie ist jung, bringt also etwas frischen Wind und, was mir persönlich ein Anliegen ist, sie wäre die erste Frau, die den Vorsitz über den Minderheiten-Ausschuss einnimmt. Ich würde mich freuen, wenn Sie meiner Empfehlung folgen würden. Aber das liegt selbstredend bei Ihnen selbst", endete der Mann am Kopf des Tisches freundlich in die Runde lächelnd.
"Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss das Flugzeug erwischen", sagte er und beendete damit die Sitzung.
Noch etwas baff stand Shadi auf und räumte ihre Sachen zusammen.
"Denken Sie nicht, dass Sie meine Stimme kriegen", raunte ihr Michael Kwahu neben ihr zu.
"Nein, damit rechne ich nun wirklich nicht", erwiderte Shadi trocken und ohne aufzublicken.
"Die Tochter eines Alkoholikers, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass man Sie wählen wird?"
Shadi atmete tief durch, jetzt hieß es, Ruhe zu bewahren und sich nicht aufzuregen.
"Das ist kein Geheimnis, er selbst ist damit noch während seiner Präsidentschaft an die Öffentlichkeit gegangen. Und im Gegenteil macht es mich zu jemandem, der die Probleme von Minderheiten und besonders First Nations sehr gut nachempfinden und entsprechend den Bedürfnissen handeln kann", erwiderte sie, was sie nicht zum ersten Mal aussprach.
"Das werden wir ja sehen, wie schön sie es finden, dank Ihnen immer an die negativen Entwicklungen erinnert zu werden."
Kwahu musterte sie und der Blick war mehr als feindselig.
"Sie repräsentieren einen Stamm mit zweifelhafter Geschichte", sprach er schließlich leise weiter.
"Ich empfehle Ihnen, von einer Kandidatur abzusehen."
Damit ließ er sie mit einem Stirnrunzeln zurück. Ein paar Leute fassten ihr im Vorbeigehen an die Schultern und sagten Dinge, die nach der zweifelhaften Begegnung mit dem Hopi nicht wirklich bis zu ihr durchdrangen. Sie hörte sich hier und da leise "Danke" sagen, während sie noch in die Richtung blickte, in die Kwahu verschwunden war.
Die Nacht war unruhig. Shadi hatte noch lange gesessen und über einer Kandidaturrede gebrütet, die zwingend nötig war. Sie hatte nach Kwahus Einwänden und nach tagelangen Grübeleien beschlossen, sich nicht unterkriegen und nun erst recht anzutreten. Es stand ihm frei, selbiges zu tun. Alles andere würden demokratische Prozesse regeln. Sie plante keine Schlammschlacht - und erst recht würde sie die Konflikte zwischen Hopi und Diné nicht auf die internationale Bühne tragen. Und sie hoffte, Kwahu würde es ähnlich halten.
Sie hatte sich nun schon zum dritten Mal hin und her gewälzt und doch war sie hellwach, als wäre sie heute in der Früh nicht schon um vier Uhr aufgestanden, um noch letzte Vorbereitungen für ein Gespräch mit den Chinesen zu treffen, die tatsächlich vor hatten, in das Reservat zu investieren. Es hatte sich herausgestellt, dass die Warnung ihres Vaters durchaus gerechtfertigt gewesen war. Statt Arbeitsplätze und Wohlstand zu schaffen, waren es die Pläne der Chinesen gewesen, die Arbeiter auszubeuten. Und alle entscheidenden Posten wären statt mit Einheimischen mit Chinesen besetzt gewesen. Das frühe Aufstehen hatte sich also nicht einmal gelohnt. Während sie ruhelos an die Decke starrte und daran zurückdachte, dass sie immer hatte freundlich bleiben musste und ihnen nicht, wonach ihr der Sinn gestanden hatte, an die Kehlen gehen durfte, kochte ihr Blut nachgerade.
Was sich schlagartig änderte, als sie sich fauchen hörte. Shadi saß schlagartig im Bett und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie atmete hektisch und kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sofort kamen ihr die Bilder jenes verhängnisvollen Tages wieder in den Sinn, die sie seither jede Nacht wach hielten. Der Alien, der im Todeskampf ihren Arm gar nicht mehr hatte loslassen wollen, diese eiskalten Augen, die sich in ihre bohrten, bis der Blick schließlich brach... Eilig schlug sie die Decke beiseite und sie stolperte mehr, als dass sie lief, ins angrenzende Badezimmer. Das Licht war schnell angeschaltet.
Ein spitzer, kurzer Schrei folgte, als sie in ihr Gesicht sah. Schnurrhaare, ein leicht verzerrtes Gesicht und eine gelb-schwarze Verfärbung der Haut ließen auf einen Mensch-Tiger-Zwitter schließen, dem allmählich ziemlich spitze Zähne wuchsen. Einige Male atmete Shadi tief durch, ehe sie es wagte, vorsichtig in ihr Gesicht zu fassen, das sich erschreckend flauschig weich anfühlte.
"Was geht hier vor...?", flüsterte sie tonlos und tief entsetzt.
Der Schrecken der Nacht saß ihr noch in den Knochen, als sie am nächsten Morgen darauf wartete, ihre Kandidatur zu verkünden. Es hatte eine komplette halbe Stunde gedauert, bis Shadi wieder die Kontrolle über ihr Gesicht erhalten hatte. Zwischenzeitlich hatte sie sogar gefürchtet, sie müsse von nun an immer so herumlaufen, was wohl das Aus für ihre Karriere bedeutet hätte. Auch wenn ein Mensch-Tiger-Zwitter wohl sehr gut in den Minderheitenausschuss gepasst hätte. Schließlich aber war sie wieder sie selbst gewesen und hatte sich eine weitere Stunde vor den Altar in ihrer Wohnung gesetzt, um sowohl Opfer dafür darzubringen, dass dies doch bitte eine einmalige Ausnahme darstelle, als auch zu fragen, was das bitteschön solle. Die Changing Woman steckte dahinter, anders konnte sie es sich nicht erklären. Antworten war die Changing Woman ihr allerdings, wie zu erwarten gewesen war, schuldig geblieben...
Die Runde war komplett und der stellvertretende Vorsitzende hatte in seiner Rede auf die Wichtigkeit des Amtes und die damit einhergehende, inhaltliche Ausrichtung des Minderheitenausschusses hingewiesen.
"Ich bitte die Kandidaten, die sich für dieses Amt zur Verfügung stellen, sich zu erheben", bat er und mehrere Stühle wurden gerückt.
Shadi war aufgestanden, genauso der Vertreter der Maya. Und zu Shadis sichtbarer Überraschung eben auch Kwahu, der ihr einen siegesgewissen Blick schenkte.
"Nun, das verspricht eine interessante Wahl zu werden", sprach der stellvertretende Vorsitzende, dessen Mundwinkel amüsiert zuckten.
April 2016, vier Jahre später...
"Als Vorsitzende ist es Ihre spezielle Pflicht, die Minderheiten zu repräsentieren", beharrte Kwahu streng, der Shadi mit seinen Blicken erdolchte, dessen Stimme aber freundlich blieb und nicht einmal ansatzweise erahnen ließ, wie feindselig das Verhältnis zwischen ihnen war.
"Und dazu gehört es eben auch, anzuerkennen, dass die Mutanten, wie sie wenig ruhmreich in der Bevölkerung genannt werden, ebenfalls eine Minderheit sind. Und indem wir unsere Unterstützung dazu leisten, sie zu registrieren, tun wir uns auch selbst keinen Gefallen. Das erinnert mich an das J im Ausweis der jüdischen Bevölkerung unter Hitler. Wir stigmatisieren sie und entrauben sie einer Zukunft, wie jeder sie verdient hat. Wenn es soweit ist, dass wir sie registrieren, wann kommt es dann, dass wir ihnen nach und nach ihre Rechte aberkennen?", argumentierte er weiter, ohne laut zu werden.
Shadi nickte leicht, als er sich wieder setzte und sah nachdenklich in die Runde.
"Wir alle wissen, welche Gefahren damit verbunden sind", erklärte sie.
"Deswegen habe ich die Entscheidung, als Vertreterin der Minderheiten dem Gremium beizutreten oder aus Protest eben dies genau nicht zu tun und demonstrativ keine Unterschrift zu leisten, auch nicht alleine getroffen", wie sie es durchaus hätte tun können.
"Mir ist Ihre Meinung in dieser sehr delikaten Angelegenheit wichtig. Ich möchte aber auch auf die Argumente der Befürworter eingehen. Und man kann nicht leugnen, dass es eine Kontrolle auch für Superhelden gibt", nutzte sie das Wort Mutanten sehr beabsichtigt nicht.
"Sie stellen sich über die Gesetze und ich glaube ihnen, dass sie beabsichtigen, Gutes zu tun. Deswegen sollen sie auch genau das weiterhin tun. Jedoch unter der Aufsicht der UN, ohne deren Erlaubnis keine Einsätze mehr gestartet werden dürfen. Wir alle haben noch die Bilder aus Sokovia im Kopf. Oder das, was in Lagos geschehen ist. Niemand behauptet, sie hätten absichtlich soviel Tod und Zerstörung angerichtet. Dennoch braucht es kluge Köpfe, die solcherlei Entscheidungen mit Bedacht treffen. Sie sollen kontrolliert werden, wie jeder sich vor dem Gesetz verantworten muss. Niemand steht über dem Gesetz. Und ganz genau das ist doch der Punkt: Wenn wir ihnen erlauben, über dem Gesetz zu stehen, dann sind einige von uns doch wieder gleicher als andere. Und das kann nicht das sein, was ausgerechnet der Minderheitenausschuss der Vereinten Nationen als Signal senden möchte."
Sie sah einmal in die Runde und in die Gesichter der Anwesenden.
"Ich möchte Sie nun bitten, die Hand zu heben, wenn Sie dafür stimmen, dass dieser Ausschuss hinter dem Sokovia-Abkommen steht."
Stühle wurden gerückt, aber längst nicht alle. Der Ausschuss war gespalten und das war von vorn herein klar gewesen. Beide Positionen hatten ihre Daseinsberechtigung und das war auch das Einzige, auf das man sich hatte einigen können.
"Ich zähle", sprach der Stellvertreter nach einer kleinen Weile, die sich wie Kaugummi hingezogen hatte und die von Schweigen geprägt war, "eine knappe Mehrheit von drei Stimmen für das Abkommen."
Keiner applaudierte, die Mienen blieben ungewöhnlich ernst. Shadi nickte nur leicht.
"Ich danke Ihnen."
Changing Woman
April 2012
Es war einer jener Augenblicke, die Shadi am Liebsten ausgelassen hätte. Einer jener Momente, in denen sie sich fragte, wo die Große Mutter Erde eigentlich war, wenn man sie mal brauchte. Die Fratze des Aliens starrte direkt durch das zersplitterte Glas der Autoscheibe, die nun in vielen Einzelteilen auf dem von ihrer Handtasche beanspruchten Platz neben ihr lag. Ihr blieb der Atem weg, als sich dieses Aliending zu ihr vorbeugte. Irgendein Schleim, der von dem, was der Mund sein sollte und sie doch eher an eine Fratze erinnerte, herunterhing, drohte auf ihre Hand, die krampfhaft versuchte, den Gurt zu lösen, zu tropfen. Schnell zog Shadi die Hand weg und runzelte angeekelt die Stirn, als sie sah, dass sie das doch berühren musste, wenn sie aus dem Auto herauskommen wollte, bevor irgendwelche Trümmerteile des angrenzenden Gebäudes das Taxi plattdrückten, wie es bereits mit dem Fahrzeugen vor, hinter und neben ihr geschehen war. Der Taxifahrer selbst, ein sehr wahrscheinlich sehr zugekiffter Rastafari, starrte wie gebannt auf Captain America, der direkt vor ihnen auf den Trümmern des Fahrzeugs stand und sein Schild auf den Alien an der zerstörten Fensterscheibe warf. Der Alien wich aus und zog dankbarerweise dabei seinen Oberkörper wieder aus dem Auto heraus. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass er getroffen wurde. Schnell zog Shadi ihren Ärmel über ihre Hand und löste den Gurt. In dem Augenblick flog der Alien direkt auf das Dach des Autos, dessen Delle Shadi eine Beule bescherte, die sie panisch aufschreien ließ - die künftig aber auch ihre geringste Sorge sein sollte...
Irgendwie schaffte sie es, aus dem Wagen zu taumeln und geistesgegenwärtig öffnete sie die Fahrertür. Der Mann schien sichtlich verstört und als sie ihre Hand ausstreckte, um den nicht angeschnallten Mann aus dem Fahrzeug zu ziehen, griff die graue Hand, die von ebenfalls gräulicher Flüssigkeit verklebt war, nach ihrem Arm. Ein tiefer Kratzer zierte die Stelle, die er berührte, die sie erst jetzt bemerkte. Sie musste von der zerbrochenen Autoscheibe stammen. Bleich sah sie den ziemlich geschundenen Arm entlang und in das Gesicht des Aliens, das sie nie mehr vergessen sollte.
3 Wochen zuvor.
"Shadi, mein Schatz", hörte sie die Stimme ihrer über alles geliebten Mutter auf der alten Sprache ihres Stammes, was Shadi ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
Der Window Rock Airport war an diesem Tag gut besucht, aber es war nicht soviel los, dass man sich durch die Massen drängeln musste. Das musste man hier nie. Window Rock mochte die Hauptstadt der Navajo Nation Reservation sein. Aber sie hatte auch nur knapp über 3000 Einwohner.
"Mutter, ich habe dich vermisst", sagte sie ehrlich, als sie die ältere Frau in die Arme schloss.
"Schön, dass du endlich wieder zu Hause bist", erwiderte ihre Mutter lediglich und strich mit beiden Daumen über Shadis Wangen.
"Komm, dein Vater erwartet dich schon."
Lächelnd packte Shadi ihre Tasche, die sie kurz darauf auf der Ladefläche des Jeeps, geparkt hatte. Den fuhr ihre Mutter seit etwa zehn Jahren und etwa genauso lange hatte er zumindest dem äußerlichen Anschein nach keine Autowäsche mehr gesehen.
"Warst du in den Canyons unterwegs?", fragte sie, als sie sich anschnallte.
"Die Schafe der Chetahos wurden von irgendeinem Tier angegriffen."
"Schon wieder?"
Shadi seufzte. Das war der vierte Angriff auf das Vieh von Angehörigen ihres Klans seit Beginn des Jahres.
"Ich würde auch gerne wieder nur zum Vergnügen raus. Aber dann auf dem Pferd", betonte ihre Mutter entschieden, die den Motor anließ.
Der Flughafen lag etwas außerhalb der Stadt und bald passierten sie die ersten traditionellen Hogans. Die fensterlosen, runden Gebäude säumten den Weg zwar selten, waren aber für Shadi jedes Mal ein wundervoller Anblick. Das war ihre Heimat und nach Hause kehren ließ sie ganz automatisch lächeln.
Schnell jedoch wurde ihr Ausdruck ernster. Denn es dauerte nicht lange, da eröffnete sich vor ihnen ein typischer Trailerpark, der laut herauszuschreien schien, was hier im Reservat alles nicht stimmte - und der Shadi betroffen aufseufzen ließ.
"Wie läuft es mit den Vorbereitungen zur Miss Navajo?"
Miss Navajo wurde keineswegs nach dem Aussehen gewählt. Vielmehr sollte sie die Kultur der Diné repräsentieren und hatte andere Prüfungen zu bestehen, als im Bikini möglichst stolperfrei über einen Laufsteg zu gehen. Shadi kannte sich da aus. Vor zehn Jahren war sie einst selbst gewählt worden. Das darauffolgende Jahr war anstrengend und lehrreich zugleich gewesen.
"Frag das deinen Vater, ich halte mich da raus", erwiderte ihre Mutter nur in ihrer typischen Weise, wenn es um ihren Vater ging.
Von Distanz zu sprechen wäre untertrieben. Shadi konnte sich nicht erinnern, dass sie mal so etwas wie Liebe in der Beziehung ihrer Eltern gesehen hatte. Und das hatte auch seinen guten Grund...
"Und du willst wirklich bei der UN anfangen?", hakte ihr Vater nach in englischer Sprache nach, der dies nur mit einem Kopfschütteln bedachte, wobei das kleine, silberne Kreuz an seinem Hals das Licht der Stehlampe reflektierte.
"Du hast gesehen, wie schwer die Politik an einem nagen kann, mein Kind", warnte er sie.
"Das war ein anderer Fall. Ich gehe nicht in die Lokalpolitik", wandte Shadi ein, nachdem sie den Bissen der wirklich köstlichen Pinienkernen-Suppe, die es aus dem Anlass ihrer Rückkehr als Vorspeise des Festessens gab, heruntergeschluckt hatte.
"Du solltest aufpassen. Traue niemandem. Erst recht nicht irgendwelchen Leuten, die meinen, was wirtschaftlich am Besten für unser Volk ist. Die hinterlassen nur verbrannte Erde", prophezeite ihr Vater, woraufhin Shadi leicht nickte.
"Ich weiß", sagte sie ernster und schob den leeren Teller von sich.
"Noch etwas Suppe?", bot ihre Mutter mit offener Geste an, wobei sie Navajo sprach, woraufhin Shadi schnell den Kopf schüttelte.
"Nicht, wenn ich noch was vom Hauptgang essen soll."
Der stand kurz darauf dampfend auf dem Tisch. Das würzig duftende Rindfleisch hatte ihre Mutter sehr ansehnlich um die Chilischoten herum drapiert. Ein sehr traditionelles Gericht, wie ihre Mutter ohnehin in allem was sie tat sehr traditionell war.
"Wie laufen die Vorbereitungen?", wiederholte Shadi die Frage, nachdem sie sich als Gast im Hause ihrer Eltern zuerst aufgetan hatte und darauf wartete, bis alle etwas auf dem Teller hatten.
"Zur Miss Navajo?", fragte ihr Vater eher rhetorisch und tat sich als Letztes auf.
"Etwas zäh", gestand er ein, "sie streiten sich mal wieder, ob ein Poetry Slam, wie letztes Jahr, in unserer Sprache vorgetragen wieder gestattet sein darf oder nicht."
Es war immer die gleiche Leier. Traditionalisten gegen Modernisierer und keine Seite wollte nachgeben. Shadi war die Tochter ihres Vaters und ihrer Mutter gleichermaßen und wählte gerne den Mittelweg. Der erschien ihr am Sinnvollsten. Bewahren, was es zu bewahren gibt, dabei aber nie die Zukunft aus den Augen lassen.
"Ich fand den gut", sagte Shadi lächelnd, die sich gerne an diese innovative Idee erinnerte.
Es war etwas Neues, inhaltlich und sprachlich aber kulturell wertvoll.
"Das hat nichts mit uns zu tun", wandte ihre Mutter streng ein, die die englische Sprache auch weiterhin vermied.
Schweigen. Ihre Eltern wechselten nur einen kurzen Blick, der alles verriet.
"Dein Rind ist köstlich", brach Shadi es nach einer kurzen Weile, in der die Mahlzeit schon fast komplett den Weg in ihren Magen gefunden hatte.
"Danke, mein Kind", erwiderte ihre Mutter, die ihre Hand nach ihr ausstreckte, um ihr über den Oberarm zu streicheln, was sie lächeln ließ.
Sie mochte die warmherzigen Gesten ihrer Mutter. Generell war ihre Mutter ein sehr gutherziger und freundlicher Mensch. Nicht jedoch, wenn es um ihren Vater ging.
"Freust du dich auf dein Abschiedsfest?"
"Ich kann es kaum erwarten."
Das traditionelle Fest, das bei einigen Klans der Diné, wie die Navajo sich selbst nannten, stattfand, wenn jemand im Auftrag des Klans hinaus in die Welt geschickt wurde, zu welchem Zwecke auch immer, fand drei Tage später statt. Sie übte sich an einem freundlichen Lächeln, als sie vor dem Spiegel ihres alten Kinderzimmers stand. Die vier nicht gerade kleinen Stammestätowierungen, die sie sich vor ihrem Studium nach alter, durchaus schmerzvoller Art, hatte stechen lassen, hoben sich auch nach sieben Jahren noch deutlich von ihrer Haut ab, was für die Qualität des Medizinmannes, der sie gefertigt hatte, sprach. Leider war er letztes Jahr in seinem Hogan verstorben, das daraufhin mit ihm im Inneren verbleibend, versiegelt und somit zur Grabstätte umfunktioniert worden war. Es war eine ehrenvolle Abschiedsfeier gewesen.
Sie griff nach dem Oberteil der Tracht, die auf einem Bügel an der Schranktür hin und zog sie sich über. Nachdem sie den Stoff glattgestrichen hatte, folgten Hals- und Armringe aus Knochen und festlicher Kopfschmuck. Wenn sie sich so betrachtete, bemerkte sie wieder einmal, dass sie viel zu selten zu Hause war, um an den hiesigen Festen teilzunehmen, deren einzigartige Stimmung sie nirgends in New York hatte wiederfinden können.
"Bist du soweit, Liebes?", hörte sie ihre Mutter rufen, woraufhin sie sich selbst noch einmal zunickte und das Zimmer verließ.
"Die Große Mutter Erde wird immer an deiner Seite sein, Older Sister", sprach der Medizinmann, der trotz seines gehobenen Alters erst seit einem Jahr im Amt war.
Man konnte sehen, wie es um seine Mundwinkel zuckte und Shadi konnte nicht umhin, ebenfalls zu schmunzeln. Den Namen Shadi, der Older Sister bedeutete, hatten ihre Eltern ihr gegeben, in der Hoffnung, es würden noch weitere Kinder dazukommen. Doch es war anders gekommen...
Das Feuer knisterte, das hier draußen vor den Toren der Stadt entzündet worden war. Sie standen in einem Kreis darum herum, wobei Shadi und der Mann mit den Falten sich, der so viele Jahre bei seinem Mentor gelernt hatte, bis er grau geworden war, abgesetzt etwas näher am Feuer gegenüberstanden.
Ihr Vater war erschienen und hatte aus Respekt vor den Ahnen das Kreuz abgelegt.
"Die sich wandelnde Frau wird deinen Wandel begleiten und du wirst reicher an Erfahrungen zu uns zurückkehren und uns letztlich alle bereichern."
Shadi schenkte dem alten Mann ein warmes Lächeln, dann nahm sie die vier Beutel mit beiden Händen an, die er ihr reichte.
"Ehre dein Volk in der Fremde, nimm den Mais für den Norden, die Bohnen für den Osten, die Kürbiskerne für den Süden und den Tabak für den Westen mit in dein neues Heim, das dir niemals Heimat werden soll", betonte er, woher sie kam.
Er sprach noch ein paar Beschwörungen an die Götter, besonders an Mutter Erde, die sie beschützen sollte. Es war allgemein eine sehr feierliche Stimmung. Vier Frauen begannen zu singen, ein altes Lied zu Ehren der sich wandelnden Frau, in das bald alle mit einstimmten. Und auch Shadi sang voller Inbrunst mit. Schließlich wurde ausgelassen getanzt und gefeiert, wobei kein einziger Tropfen Alkohol floss.
Alkohol, die Nemesis der First Nations.
"Bitte pass auf dich auf", bat ihre Mutter, die sie zwei weitere Tage später wieder am Flughafen abgeliefert hatte.
Ihr Vater war wieder nicht dabei. Er war auch nicht der Typ für rührende Abschiedsszenen.
"Immer, Mutter, versprochen", erwiderte Shadi und umarmte ihre Mutter, der schon Tränen in den Augenwinkeln glitzerten.
"Und überarbeite dich nicht, mein Kind", flüsterte ihre Mutter.
"Bete und opfere immer schon regelmäßig."
"Natürlich", sagte sie zu und schenkte ihrer Mutter noch ein Lächeln, bevor sie sich auf den Weg zum Flugzeug machte.
Es war eine Propellermaschine. Sie persönlich bevorzugte die düsenbetriebenen Flugzeuge. Die Propellergeräusche machten sie nachgerade nervös. Den Weg nach New York nutzte sie, um sich einzuarbeiten. Es war eine herausfordernde Aufgabe, bei der UN die Navajo Nation zu repräsentieren. Sie war gewählte Vertreterin und Botschafterin ihres Stammes gleichermaßen. Es war eine große Ehre und sie wusste, dass sie generell viel Glück in ihrem Leben gehabt hatte. Nicht gerade wenige Navajo lebten unter der Armutsgrenze und Arbeitslosigkeit und Alkoholismus führten zu einer Perspektivlosigkeit, die die Selbstmordrate selbst bei den Jugendlichen im letzten Jahrhundert in schwindelerregende Höhen getrieben hat. Auch da wollte sie auf internationaler Ebene etwas erreichen. Die Navajo waren nicht die einzigen Ureinwohner auf der Welt, die dieses Schicksal getroffen hat. Und im Vergleich alleine nur mit anderen Stämmen auf Territorium der USA hatten sie es noch vergleichsweise gut.
"Das hier vorne ist Ihr Büro", wurde Shadi von einem Saaldiener schließlich in eben jenes gebracht, als sie weitere fünf Tage später gerade einmal zum dritten Mal in ihrem Leben das UN Gebäude betreten hatte.
"Willkommen bei den Vereinten Nationen, Miss Begaye", sagte der Mann, der höflich in der Tür stehen blieb.
"Wenn Sie etwas benötigen, wählen Sie dreimal die Null, so erreichen Sie mich und meine Kollegen."
"Vielen Dank für Ihre Mühen", bedankte sie sich und nickte dem Mann zum Abschied zu, der die Tür hinter sich schloss.
"Da wären wir also", sagte sie zu sich selbst und drehte sich einmal im Kreis.
Das Büro war nicht gerade klein und sehr hell eingerichtet. Etwas zu modern für ihren Geschmack, aber das konnte sie im Laufe der Zeit ja noch ihren persönlichen Bedürfnissen anpassen.
Sie trat an die Schränke und öffnete testweise einige Schubladen, die sehr flüssig in den Schienen liefen. Dann schaltete sie das Radio ein.
"Danke Veronica für die heiteren Aussichten. Und jetzt noch eine Meldung für die, die das Großereignis nächste Woche kaum erwarten können. Kurz vor der Eröffnung des Stark Towers hier in New York gab es einen Zwischenfall mit mehreren Leichtverletzten. Die Pressemitteilung spricht von einem Problem mit der Stromversorgung, das aber noch vor der Eröffnung nächste Woche behoben sein soll. Wir vom CBS Radio East bleiben für Sie dran. Jetzt hören wir erst einmal Musik, ein Newcomer aus der Bronx..."
Shadi hatte nur kurz aufgehorcht. Sie hatte selbstredend von Iron Man gehört und wusste nicht so recht, was sie von ihm halten sollte. Seine Öffentlichkeitspräsenz jedenfalls sprach stark für eine narzisstische Persönlichkeit. Was selbstredend auch Fassade sein könnte, wie bei vielen, die in der Öffentlichkeit stehen. Der frühere Waffenproduzent hatte jedenfalls ein Stein bei ihr im Brett, seit er öffentlich eben jener Tätigkeit abgeschworen und seine Erfindungen zumindest offenkundig für gute Taten eingesetzt hatte.
Die Musik plätscherte im Hintergrund vor sich her und Shadi erwischte sich dabei, wie sie das Stammeslied, das zu ihrem Abschied gesungen wurde, gegen die Melodie aus dem Radio ansummte. Schmunzelnd griff sie in einen Beutel, den sie dabei hatte und holte den kunstvoll gewebten Teppich heraus, den sie anschließend an die Wand gegenüber des Fensters nagelte. Auf den Schrank darunter stellte sie vier Schalen, in die sie die Beutel legte, die sie vom Medizinmann erhalten hatte. Zufrieden lächelnd strich sie noch einmal über den Teppich, fuhr die gut sichtbare Linie des Geistwegfadens nach und setzte sich anschließend an ihren Schreibtisch, um jenen ebenfalls einzurichten.
"Damit beende ich die heutige Sitzung des Minderheitenausschusses", sprach der Vorsitzende, der eine Anstecknadel mit dem Wappen des samischen Volkes in Nordeuropa trug, und erhob sich, woraufhin allgemeines Stühlerücken begann.
Shadi sammelte ihre Papiere ein und verstaute sie in der schwarzen, schmucklosen Aktentasche.
"Sie sind die Neue", wandte sich an der Tür eine männliche Stimme an sie.
Freundlich lächelnd drehte sie sich um und war wenig überrascht in das Gesicht eines Native American in den Mittvierzigern zu blicken.
"Ich bin neu. Ob ich die Neue bin kann ich nicht beurteilen", sagte sie schmunzelnd und trat hinaus in den Gang.
"Sie sind Navajo", stellte der junge Mann fest.
"Diné, genau", verbesserte sie leicht nickend.
"Sie können aber auch einfach Shadi zu mir sagen", bot sie freundlich an.
"Michael Kwahu", stellte der Mann sich vor.
Shadi hob eine Braue.
"Das ist ein Hopi-Name, richtig?"
"Allerdings", die Miene des Mannes war ernster geworden.
Shadi ahnte, dass dieses Gespräch keine gute Wendung nehmen würde.
"Sie haben mich nicht ohne Grund angesprochen", stellte Shadi fest.
"Auch das ist richtig."
Shadi seufzte und strich sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht, als sie stehen blieb, um dem Hopi direkt ins Gesicht zu blicken.
"Der letzte Vertrag zwischen Hopi und Navajo sieht eine klare Grenze Ihrer Enklave innerhalb der Navajo Nation vor. Ich sehe keinerlei Diskussionsbedarf", sagte sie ernst, blieb dabei aber freundlich.
"Das sieht mein Stamm anders, Miss Begaye", nutzte er weiter ihren Nachnamen, obgleich sie ihm den Vornamen angeboten hatte.
Die Distanz zwischen ihnen war nachgerade greifbar.
"Ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Ausschuss bringen. Ich wollte lediglich so freundlich sein, Sie vorzuwarnen."
Damit ließ er Shadi etwas überrumpelt stehen.
Sie war erst einige Tage im Amt. Sie hatte mit Schwierigkeiten gerechnet, gerade auch in solcherlei Belangen. Doch dass dies schon in der ersten Woche begann, war eine Überraschung.
Erschöpft schloss Shadi die Bürotür hinter sich und kontrollierte, ob sie auch ihren Wohnungsschlüssel hatte. Dort hatte sie auch noch einiges zu erledigen. Wenn sie endlich einen Assistenten gefunden hatte, würde sie es vielleicht auch ins Möbelhaus schaffen und nicht länger mit dem Nötigsten auskommen müssen. Sie hatte alles genau im Kopf, sie wusste exakt, welche Möbel und welche Accessoires sie wollte und wo sie hin sollten. In ihrer Vorstellung war alles perfekt!
Die Realität sah ein wenig spartanischer aus. Sie hatte nur das Nötigste.
Sie verließ das UN-Gebäude und winkte sich ein Taxi heran. Es dauerte etwas länger, bis schließlich endlich eines der Yellow Cabs vor ihr anhielt. Aus der Anlage dröhnte nicht gerade leise Bob Marley und der Fahrer war sehr offensichtlich mindestens dessen größter Fan, wenn nicht sogar selbst Jamaikaner und / oder Rastafari.
"Wohin soll's gehen, Miss?", fragte er sie, als Shadi hinten eingestiegen war.
Shadi nannte ihre Adresse und schnallte sich an. Die Handtasche deponierte sie auf dem freien Platz neben sich.
"Sie melden sich, wenn Sie die Musik stört", bot der Fahrer gut gelaunt an und Shadi meinte, einen sehr speziellen Geruch im Auto wahrzunehmen, der sie schmunzeln ließ.
"Lassen Sie nur", antwortete sie lachend und wollte noch etwas ergänzen, als das absolute Chaos losbrach...
"... wollte ich mich bei Ihnen allen für die wunderbare Zusammenarbeit bedanken", endete der Vorsitzende des Minderheitenausschusses.
Die Runde hatte sich erhoben und setzte zu Klatschen an. Shadi hatte ein Lächeln auf den Lippen.
"Danke, danke, ich bin noch nicht fertig", unterbrach der Same sie freundlich und bedeutete, ihnen sich zu setzen. Ein kurzes Stühlerücken begann und es kehrte wieder Ruhe ein.
"Ich habe die Zeit hier sehr genossen und hoffe, Sie werden auch nach meinem Ausscheiden aus meinen Ämtern weiterhin so konstruktiv zusammenarbeiten. Als Nachfolger schlage ich, dem kontinentalen Wechsel zufolge, Miss Shadi Begaye vor."
Shadi blinzelte und sah irritiert auf, während die Blicke nun auf ihr lagen. Damit hatte sie nicht gerechnet und ein kurzes Schweigen erfüllte den Raum. Schnell hob sie ihre verbundene Hand an den Mund und räusperte sich kurz.
"Ja, ähm, vielen Dank", sagte sie wenig vorbereitet.
Hier und da sah man ein Schmunzeln auf den Gesichtern. Die meisten blickten freundlich drein. Ihr Blick glitt zu Michael Kwahu, der aussah, als würde er gleich über den Tisch springen und sie erwürgen.
"Sie ist jung, bringt also etwas frischen Wind und, was mir persönlich ein Anliegen ist, sie wäre die erste Frau, die den Vorsitz über den Minderheiten-Ausschuss einnimmt. Ich würde mich freuen, wenn Sie meiner Empfehlung folgen würden. Aber das liegt selbstredend bei Ihnen selbst", endete der Mann am Kopf des Tisches freundlich in die Runde lächelnd.
"Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss das Flugzeug erwischen", sagte er und beendete damit die Sitzung.
Noch etwas baff stand Shadi auf und räumte ihre Sachen zusammen.
"Denken Sie nicht, dass Sie meine Stimme kriegen", raunte ihr Michael Kwahu neben ihr zu.
"Nein, damit rechne ich nun wirklich nicht", erwiderte Shadi trocken und ohne aufzublicken.
"Die Tochter eines Alkoholikers, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass man Sie wählen wird?"
Shadi atmete tief durch, jetzt hieß es, Ruhe zu bewahren und sich nicht aufzuregen.
"Das ist kein Geheimnis, er selbst ist damit noch während seiner Präsidentschaft an die Öffentlichkeit gegangen. Und im Gegenteil macht es mich zu jemandem, der die Probleme von Minderheiten und besonders First Nations sehr gut nachempfinden und entsprechend den Bedürfnissen handeln kann", erwiderte sie, was sie nicht zum ersten Mal aussprach.
"Das werden wir ja sehen, wie schön sie es finden, dank Ihnen immer an die negativen Entwicklungen erinnert zu werden."
Kwahu musterte sie und der Blick war mehr als feindselig.
"Sie repräsentieren einen Stamm mit zweifelhafter Geschichte", sprach er schließlich leise weiter.
"Ich empfehle Ihnen, von einer Kandidatur abzusehen."
Damit ließ er sie mit einem Stirnrunzeln zurück. Ein paar Leute fassten ihr im Vorbeigehen an die Schultern und sagten Dinge, die nach der zweifelhaften Begegnung mit dem Hopi nicht wirklich bis zu ihr durchdrangen. Sie hörte sich hier und da leise "Danke" sagen, während sie noch in die Richtung blickte, in die Kwahu verschwunden war.
Die Nacht war unruhig. Shadi hatte noch lange gesessen und über einer Kandidaturrede gebrütet, die zwingend nötig war. Sie hatte nach Kwahus Einwänden und nach tagelangen Grübeleien beschlossen, sich nicht unterkriegen und nun erst recht anzutreten. Es stand ihm frei, selbiges zu tun. Alles andere würden demokratische Prozesse regeln. Sie plante keine Schlammschlacht - und erst recht würde sie die Konflikte zwischen Hopi und Diné nicht auf die internationale Bühne tragen. Und sie hoffte, Kwahu würde es ähnlich halten.
Sie hatte sich nun schon zum dritten Mal hin und her gewälzt und doch war sie hellwach, als wäre sie heute in der Früh nicht schon um vier Uhr aufgestanden, um noch letzte Vorbereitungen für ein Gespräch mit den Chinesen zu treffen, die tatsächlich vor hatten, in das Reservat zu investieren. Es hatte sich herausgestellt, dass die Warnung ihres Vaters durchaus gerechtfertigt gewesen war. Statt Arbeitsplätze und Wohlstand zu schaffen, waren es die Pläne der Chinesen gewesen, die Arbeiter auszubeuten. Und alle entscheidenden Posten wären statt mit Einheimischen mit Chinesen besetzt gewesen. Das frühe Aufstehen hatte sich also nicht einmal gelohnt. Während sie ruhelos an die Decke starrte und daran zurückdachte, dass sie immer hatte freundlich bleiben musste und ihnen nicht, wonach ihr der Sinn gestanden hatte, an die Kehlen gehen durfte, kochte ihr Blut nachgerade.
Was sich schlagartig änderte, als sie sich fauchen hörte. Shadi saß schlagartig im Bett und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie atmete hektisch und kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sofort kamen ihr die Bilder jenes verhängnisvollen Tages wieder in den Sinn, die sie seither jede Nacht wach hielten. Der Alien, der im Todeskampf ihren Arm gar nicht mehr hatte loslassen wollen, diese eiskalten Augen, die sich in ihre bohrten, bis der Blick schließlich brach... Eilig schlug sie die Decke beiseite und sie stolperte mehr, als dass sie lief, ins angrenzende Badezimmer. Das Licht war schnell angeschaltet.
Ein spitzer, kurzer Schrei folgte, als sie in ihr Gesicht sah. Schnurrhaare, ein leicht verzerrtes Gesicht und eine gelb-schwarze Verfärbung der Haut ließen auf einen Mensch-Tiger-Zwitter schließen, dem allmählich ziemlich spitze Zähne wuchsen. Einige Male atmete Shadi tief durch, ehe sie es wagte, vorsichtig in ihr Gesicht zu fassen, das sich erschreckend flauschig weich anfühlte.
"Was geht hier vor...?", flüsterte sie tonlos und tief entsetzt.
Der Schrecken der Nacht saß ihr noch in den Knochen, als sie am nächsten Morgen darauf wartete, ihre Kandidatur zu verkünden. Es hatte eine komplette halbe Stunde gedauert, bis Shadi wieder die Kontrolle über ihr Gesicht erhalten hatte. Zwischenzeitlich hatte sie sogar gefürchtet, sie müsse von nun an immer so herumlaufen, was wohl das Aus für ihre Karriere bedeutet hätte. Auch wenn ein Mensch-Tiger-Zwitter wohl sehr gut in den Minderheitenausschuss gepasst hätte. Schließlich aber war sie wieder sie selbst gewesen und hatte sich eine weitere Stunde vor den Altar in ihrer Wohnung gesetzt, um sowohl Opfer dafür darzubringen, dass dies doch bitte eine einmalige Ausnahme darstelle, als auch zu fragen, was das bitteschön solle. Die Changing Woman steckte dahinter, anders konnte sie es sich nicht erklären. Antworten war die Changing Woman ihr allerdings, wie zu erwarten gewesen war, schuldig geblieben...
Die Runde war komplett und der stellvertretende Vorsitzende hatte in seiner Rede auf die Wichtigkeit des Amtes und die damit einhergehende, inhaltliche Ausrichtung des Minderheitenausschusses hingewiesen.
"Ich bitte die Kandidaten, die sich für dieses Amt zur Verfügung stellen, sich zu erheben", bat er und mehrere Stühle wurden gerückt.
Shadi war aufgestanden, genauso der Vertreter der Maya. Und zu Shadis sichtbarer Überraschung eben auch Kwahu, der ihr einen siegesgewissen Blick schenkte.
"Nun, das verspricht eine interessante Wahl zu werden", sprach der stellvertretende Vorsitzende, dessen Mundwinkel amüsiert zuckten.
April 2016, vier Jahre später...
"Als Vorsitzende ist es Ihre spezielle Pflicht, die Minderheiten zu repräsentieren", beharrte Kwahu streng, der Shadi mit seinen Blicken erdolchte, dessen Stimme aber freundlich blieb und nicht einmal ansatzweise erahnen ließ, wie feindselig das Verhältnis zwischen ihnen war.
"Und dazu gehört es eben auch, anzuerkennen, dass die Mutanten, wie sie wenig ruhmreich in der Bevölkerung genannt werden, ebenfalls eine Minderheit sind. Und indem wir unsere Unterstützung dazu leisten, sie zu registrieren, tun wir uns auch selbst keinen Gefallen. Das erinnert mich an das J im Ausweis der jüdischen Bevölkerung unter Hitler. Wir stigmatisieren sie und entrauben sie einer Zukunft, wie jeder sie verdient hat. Wenn es soweit ist, dass wir sie registrieren, wann kommt es dann, dass wir ihnen nach und nach ihre Rechte aberkennen?", argumentierte er weiter, ohne laut zu werden.
Shadi nickte leicht, als er sich wieder setzte und sah nachdenklich in die Runde.
"Wir alle wissen, welche Gefahren damit verbunden sind", erklärte sie.
"Deswegen habe ich die Entscheidung, als Vertreterin der Minderheiten dem Gremium beizutreten oder aus Protest eben dies genau nicht zu tun und demonstrativ keine Unterschrift zu leisten, auch nicht alleine getroffen", wie sie es durchaus hätte tun können.
"Mir ist Ihre Meinung in dieser sehr delikaten Angelegenheit wichtig. Ich möchte aber auch auf die Argumente der Befürworter eingehen. Und man kann nicht leugnen, dass es eine Kontrolle auch für Superhelden gibt", nutzte sie das Wort Mutanten sehr beabsichtigt nicht.
"Sie stellen sich über die Gesetze und ich glaube ihnen, dass sie beabsichtigen, Gutes zu tun. Deswegen sollen sie auch genau das weiterhin tun. Jedoch unter der Aufsicht der UN, ohne deren Erlaubnis keine Einsätze mehr gestartet werden dürfen. Wir alle haben noch die Bilder aus Sokovia im Kopf. Oder das, was in Lagos geschehen ist. Niemand behauptet, sie hätten absichtlich soviel Tod und Zerstörung angerichtet. Dennoch braucht es kluge Köpfe, die solcherlei Entscheidungen mit Bedacht treffen. Sie sollen kontrolliert werden, wie jeder sich vor dem Gesetz verantworten muss. Niemand steht über dem Gesetz. Und ganz genau das ist doch der Punkt: Wenn wir ihnen erlauben, über dem Gesetz zu stehen, dann sind einige von uns doch wieder gleicher als andere. Und das kann nicht das sein, was ausgerechnet der Minderheitenausschuss der Vereinten Nationen als Signal senden möchte."
Sie sah einmal in die Runde und in die Gesichter der Anwesenden.
"Ich möchte Sie nun bitten, die Hand zu heben, wenn Sie dafür stimmen, dass dieser Ausschuss hinter dem Sokovia-Abkommen steht."
Stühle wurden gerückt, aber längst nicht alle. Der Ausschuss war gespalten und das war von vorn herein klar gewesen. Beide Positionen hatten ihre Daseinsberechtigung und das war auch das Einzige, auf das man sich hatte einigen können.
"Ich zähle", sprach der Stellvertreter nach einer kleinen Weile, die sich wie Kaugummi hingezogen hatte und die von Schweigen geprägt war, "eine knappe Mehrheit von drei Stimmen für das Abkommen."
Keiner applaudierte, die Mienen blieben ungewöhnlich ernst. Shadi nickte nur leicht.
"Ich danke Ihnen."