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Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 20:26
von Siria
Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend

Das Gesagte von Inga versetzte Lýsir einen Stich in seinem Herzen. Er war also nicht besser, als die Entführer seiner Verlobten. Er verbreitete Angst. Dieser Gedanke war schrecklich, es zerriss ihn förmlich.
Wie konnte er nur so gehandelt haben? Er verstand sich selber nicht mehr und bekam vor sich selber Angst. Wer war er nur geworden? Hatte er noch Gefühle oder war er vor lauter Hass gegen die Entführer selber so geworden? Er war seit einem Jahr auf einem Rachefeldzug, jagte sie Entführer... hatte er dabei sich verloren?
Doch da war etwas in ihm, was schrie, dass er nicht grundsätzlich grob war und vor allem war etwas in ihm, das sagte, er wollte nicht Inga gegenüber so sein.
"Es tut mir so leid." wiederholte er diesen Satz.
"Ich weiß nicht, was mit mir los war. Ich glaube, ich habe einen Teil von mir verloren und weiß nicht wo." sprach er leise und eher für sich seine Gedanken aus. "Ich weiß nicht, wie und wo ich es wiederfinden kann."
Er stand auf.
"Ich werde mich euch nicht mehr nähern. Ich möchte nicht, dass ihr Angst vor mir habt. Es..." er wandte sich ab, er konnte ihr dies nicht ins Gesicht sagen. "Es bricht mir das Herz."

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 20:29
von Tjeika
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Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend
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"Lýsir", sagte Inga und blickte zu ihm auf, der ihr mittlerweile den Rücken zugewandt hatte, um zu gehen.
"So wartet doch", rief sie dann und sprang auf.
"Rennt doch nicht immer weg", murmelte sie dann und kam vor ihm zum Stehen, so dass sie ihm nun so gesehen im Weg stand.
"Ich möchte keine Angst vor Euch haben. Und Ihr wollt mir scheinbar auch keine machen. Dann bleibt doch nicht die Variante, immer wegzulaufen", sagte sie dann leicht außer Atem und hielt ihn leicht am Arm, auf dass Lýsir nicht auf die Idee kommen konnte, wieder zu entschwinden.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 20:48
von Siria
Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend

"Ihr verwirrt mich" sprach Lýsir ehrlich, als Inga ihn festhielt.
Er sah ihr ins Gesicht, aber dort war keine Angst vor ihm zu lesen.
"Ich möchte nicht so enden, wie die Entführer. Lieber lebe ich alleine, als dass ich jemand unschuldigen, wie ihr es seid, in irgendeiner Weise Schmerz zuführe. Es ist sicherer." emotionslos blickte er Inga an. Er versteckte sich und erkannte nicht, dass auch dies eine Form der Flucht war. Aber die Angst, jemanden das zuzufügen, wie die Entführer es getan hatten, war nun mal sehr groß.
Nur bei den Entführern, wollte er diese Angst sehen, um endlich Ruhe für sich zu finden.
Er glaubte sowieso nicht daran, dass er jemals noch mal eine Frau lieben könnte. Zu groß war seine Angst vor dem Verlust und zu groß die Sorge, er könnte, wie er es bei Inga getan hatte, ihr etwas antun. Er hatte sich zu sehr verändert, das wurde ihm bewußt.
"Es ist für uns Beide besser, wenn ich gehe." sprach er ruhig weiter, wandt jedoch den Blick ab von ihr.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 20:53
von Tjeika
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Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend
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Was sollte sie tun? Was konnte sie tun? Sollte sie Lýsir sagen, dass er, wenn er es nur versuchte, nicht so sein würde, wie diejenigen, die seiner Verlobten all das Schreckliche angetan hatte, was Thyra wohl auch bald bevorstand? Wie könnte sie so etwas sagen, wenn doch die Erinnerung daran, was er getan hatte, der Schmerz in ihrem Handgelenk, auch wenn es nun gekühlt wurde und jener Schmerz allmählich nachließ, immer noch zu präsent war?
"Ihr müsst nicht so werden, Ihr müsst es nur wollen", flüsterte sie leise und senkte den Blick.
Kurz seufzte Inga. Dann schüttelte sie den Kopf. Was tat sie hier eigentlich? Es ging sie doch gar nichts an und vielleicht war es wirklich für alle besser, wenn er ging. Das würde ihr selbst nicht nur die Angst nehmen, auch Njal würde sich dann vielleicht wieder besinnen.
"Aber vielleicht ist es wirklich besser", sprach Inga dann, doch ihre Stimmte strafte ihrer Worte Lügen.
Sie wollte und sie konnte nicht wirklich an das Schlechte in Lýsir glauben, so sehr sie auch jetzt noch Angst vor ihm hatte. In ihrem Inneren wusste sie, dass er ein guter Mensch war.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 21:23
von Siria
Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend

Wieder trafen ihn die Worte der Schwedin. Aber warum? Hatte er nicht genau dies vorgeschlagen? Warum wehrte er sich dann dagegen, als Inga nur dies bestätigte?
"Ja" sprach er nun traurig. Er war traurig? Diese Frau verwirrte ihn.
"Ich..." doch er schlug sich den Gedanken wieder aus dem Kopf. Es sollte so schnell wie möglich gehen und nicht noch Thyra mit suchen. Allein wegen Njal wäre dies nicht gut.
Und er hatte schließlich auch noch Pläne, noch zwei von den Entführern wollte er aus dieser Welt verbannen.
"Wir sollten das Tuch erneut kühlen." wechselte er das Thema. Doch eines interessierte ihn noch.
"Vorhin hattet ihr einen Ausdruck in euren Augen, der mir gesagt hatte, dass ihr meine Situation versteht. Verzeiht, wenn ich euch zu nahe trete, es war nur sehr auffällig."

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 21:30
von Tjeika
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Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend
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Inga seufzte. Lýsir würde also gehen. Und irgendetwas in ihr zog sich bei dem Gedanken zusammen. Sicher, es war wahrlich das Beste, wenn er die Holmgard verließ, doch es war nicht wirklich das, was Inga wollte. Doch dann wurde sie jäh aus ihrem Gedankengang gerissen, als er jenes eine Thema ansprach, über welches Inga in den letzten Wochen nicht gewillt war, nachzudenken. Genau genommen war sie nicht dazu gekommen, über den Tod ihres Vaters nachzudenken. Inga hatte gerade ihren Arm ein wenig gehoben, doch dann wurde ihr Blick starr. Sie hielt mitten in der Bewegung inne. Ihr Vater war tot. Unwiderbringlich. Erst heute, erst in jenen Sekunden drang jene Erkenntnis wirklich bis zu ihr durch. Sie hatte es die ganze Zeit über gewusst, doch nicht wirklich realisiert. Und nun... er würde nie wieder zu ihr zurückkehren. Niemals wieder... sie war alleine, nun, wo Thyra entführt worden war und die Chancen, wenn Inga wahrlich ehrlich zu sich selbst war, eher gering standen, dass sie sie jemals wieder sehen würde.
"Er ist tot", sprach sie tonlos, ihr Blick immer noch starr.
Und dann sackte sie in sich zusammen, fand sich auf dem Boden sitzend wieder.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 21:48
von Siria
Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend

"Inga" rief Lýsir erschrocken und setzte sich zu ihr. Er dachte nicht darüber nach, was er tat. Behutsam legte er seine Hand auf ihren Rücken und streichelte diesen.
"Ich wollte keine Wunden aufreißen" sprach er ruhig. Es tat ihm weh, Inga so zu sehen, es berührte ihn, auf eine ganz merkwürdige Art und Weise.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 21:57
von Tjeika
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Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend
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"Mein Vater... der Sturm... vor drei Wochen", murmelte Inga wirr vor sich her.
Die Erkenntnis, dass er wirklich tot war, dass ihr Vater nie wieder zu ihr zurückkehren würde, traf Inga wie ein Schlag. Sie spürte nur eine warme Hand an ihrem Rücken, bemerkte kaum, dass es Lýsir war, an dessen Schulter sie sich nun lehnte und an dessen Brust sie nun bittere Tränen vergoss.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 22:02
von Siria
Dnjepr, auf der Holmgard
07. März 768, Abend

Lýsir konnte Inga verstehen. Den Schmerz, die Trauer, die Traurigkeit. Er drückte sie einfach an sich. Streichelte ihren Rücken.
Er wollte ihr Halt geben und bekam ihn überraschender weise selber.

Re: Miklagard - Ein warägisches Abenteuer

Verfasst: Di 25. Mai 2010, 22:08
von Tjeika
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07. März 768, Abend
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Inga weinte einfach. Dass es ausgerechnet Lýsir war, an dessen Schulter sie weinte, dass es ausgerechnet der Mann war, vor dem sie sich reichlich fürchtete, dass bekam sie gar nicht wirklich mit. Wichtig für sie im Moment war einfach, dass er ihr Halt gab, dass er sie festhielt, nun, wo sie drohte, in dieses tiefe, elendige Loch zu fallen. Es war ja nicht nur die bittere Erkenntnis, dass ihr Vater tot war. Ebenso die Tatsache, dass ihre einzige Freundin, ihr einzig noch verbliebener Halt im Leben, dass Thyra nun in argen Schwierigkeiten war und Inga selbst kaum etwas für sie tun konnte - dass auch Lýsir ihr gerade Halt gab, bekam Inga, wie bereits erwähnt, kaum mit. All dies prasselte schonungslos auf Inga ein, ließ sie immer weiter zusammensacken, ließ ihr Herz ein aufs andere Mal brechen, ließ sie beinahe zerbrechen und der Einzige, der sie vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahrte war Lýsir, der ihr beruhigend über den Rücken strich. Irgendwann, nach gefühlten Ewigkeiten, hatte Inga von einer Sekunde auf die Andere keine Tränen mehr. Und dann erschrak sie und blickte zu Lýsir, realisierte, was hier von Statten gegangen war.