Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

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Cassiopeia
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Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Cassiopeia » Mi 18. Okt 2017, 13:46

Eine Story, die ich in den internetlosen Tagen begann. Mikael Gromow ist ein Charakter, den ich schon seit einigen Jahren schreibe, erst nur als NPC gedacht im Play "City of Shadows". Doch der Char wurde immer stärker und rückte in den Mittelpunkt. Ich schreibe ihn ihm Ü-18-Play weiter und er ist und bleibt ein komplexer, fordernder Char mit sehr vielen Facetten.
Eine dieser Facetten ist der Junge Mikael, der in den Zeiten der Unruhen und Kriege des ehemaligen Jugoslawien aufwächst, dessen Eltern früh versterben und dem nur sein Bruder Stjephan bleibt. Dann wird Stjephan krank und Mikaels Weg beginnt...



Eins: Der stärkste Junge der Welt

Die Nacht war beinahe um, als Mikael erwachte. Sein Rücken schmerzte von der ungewohnten Position. Er war im Sitzen eingeschlafen am Bett seines Bruders Stjephan. Wie an so vielen Abenden der letzten Monate.

Stjephan lag im Sterben. Und es gab nichts, was Mikael dagegen tun konnte. Nichts, um seinen fünf Jahre älteren Bruder, der ihn aufzog seit dem Tod ihrer Eltern, bei sich zu halten. Im Leben. An seiner Seite. Er brauchte ihn doch. Er durfte ihn nicht auch noch verlieren.

Stjephan war dünn und blass geworden. Die Haut spannte über seine Knochen und er hatte vor einigen Tagen aufgehört zu essen. Einfach so. Mikael verstand es nicht und versuchte wieder und wieder, ihn zu überreden. Doch Stjephan kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Mikael wurde wütend und schrie seinen Bruder an, weinte und flehte. Doch es half nichts. Stjephan hatte aufgegeben. Der Krebs war stärker und Stjephan reichte dem Tod die Hand. Jeden Morgen fürchtete Mikael, sein Bruder habe bereits aufgehört zu atmen und jeden Morgen sah er panisch in dessen Gesicht und auf die Bettdecke, die sich beruhigender Weise jeden Morgen weiterhin ganz sachte hob und senkte.

Auch diesen Morgen schlief Stjephan nur, doch Mikael spürte, dass etwas anders war. Tiefe, dunkle Verzweiflung griff nach ihm, als er die klamme, kalte Hand seines Bruders in die seine schloss.

„Stjephan?“, flüsterte er leise und sah ihn aus großen Augen an. „Stjephan, wach auf. Bitte.“

Stjephan blinzelte müde und er hatte Mühe, Mikael zu fokussieren. Dann lächelte er matt und hob schwerfällig den Arm. Jede kleinste Bewegung schien ihn ungeheuer anzustrengen.

„Mein kleiner Mika“, sagte Stjephan und Mikael schluckte schwer. Es fühlte sich nach Abschied an. Nach einem endgültigen Abschied. „Du bist so tapfer. Du bist viel stärker als ich es jemals sein kann. Du bist der stärkste Junge auf der Welt, Mika. Sag es mir.“

Mikael musste noch zwei Mal schlucken, bis er seine Sprache wieder fand. „Ich bin… ich bin der stärkste Junge der Welt“, flüsterte er und traute sich nicht einmal zu blinzeln aus Angst, Stjephan wäre im nächsten Augenblick verschwunden.

Stjephan schüttelte leicht den Kopf. „Das kannst du besser. Überzeuge mich. Sei stark!“

Mikael richtete sich etwas auf und straffte die Schultern, wie sein Bruder es ihm beigebracht hatte. „Ich bin der stärkste Junge der Welt!“, sagte er mit festerer Stimme. Stjephan lächelte.

„Das war schon viel besser. Erinnerst du dich daran, was du mir versprochen hast, Mika?“

Mikael nickte zaghaft. Es war ein schweres Versprechen gewesen und er hoffte, er konnte es einhalten. Nein, er würde es einhalten. Er würde alles dafür tun, es einzuhalten.

„Sag es mir.“

Mikael zögerte kurz und blickte etwas zur Seite, dann sah er seinen Bruder wieder an. Gezeichnet von der Krankheit, die ihn auszehrte und ihm das Leben stahl. Dann erinnerte er sich an die Worte und leise Entschlossenheit kehrte in seine Stimme und seinen Blick zurück. „Ich werde für mich und mein Leben kämpfen. Ich werde mich nicht unterordnen oder zu Dingen zwingen lassen, die ich nicht will. Ich bin stark. Ich bin der Stärkste. Ich habe keine Angst.“

Stjephan sah ihn ernst an. „Weißt du auch, was das bedeutet, Mika?“

Mikael nickte langsam. „Egal, was andere mir einreden wollen. Ich bin stark und ich bin ein Kämpfer! Niemand kann mich zu was zwingen“, sagte er das, was er mit seinen elf Jahren verstand.

Stjephan lächelte und strich seinem Bruder sanft über die Wange. „Ganz genau. Du bist Mikael Gromow. Vergiss das nie. Ich weiß, du wirst Mutter und Vater stolz machen.“

„Und dich“, sagte Mikael und wieder bekam seine Stimme einen so komischen Klang. „Dich will ich auch stolz machen.“

Stjephan‘ Lächeln wurde breiter. „Das wirst du, mein kleiner Mika. Nein, das hast du schon. Ich bin sehr, sehr stolz auf dich. Ich werde immer bei dir sein, wo immer du bist. Wir werden immer eine Familie sein, Mikael. Immer.“

„Immer“, wiederholte Mikael leise und es war ein Versprechen.

Er saß weiterhin an Stjephans Bett, jede Nacht, in der es ihm möglich war. Stjephan schien mit jedem Tag weniger zu werden und am Ende war es Mikael, als sei dieser beinahe durchsichtig geworden. Er entschwand wie ein Geist aus dieser Welt und hauchte mit jedem verbleibenden Atemzug sein Leben ein wenig mehr aus. In Mikaels Gedanken gab es nur noch zwei Worte: Stärke und Immer.

-

Zwei Monate waren vergangen und das Waisenhaus war dunkel und modrig. Es gab kaum freudige Stunden in diesen Tagen der Unruhen und Mikael hatte aufgehört, ein Kind zu sein. Er war nun der letzte Gromow seiner Familie, der noch lebte. Der Letzte, der Stärke zeigen konnte. Der überlebte.

Sie hatten sein Elternhaus besetzt und ihm gesagt, er wäre zu klein, um allein zu leben. Hatten ihn in ein altes, modriges Haus gesteckt, dass sie „Waisenhaus“ nannten und das er nun als sein Zuhause ansehen sollte. Mikael hasste diesen Ort. Es gab schlechtes Essen, strenge Regeln und keine Liebe. Nur harte Betten und Verwahrlosung. Mikael suchte wieder und wieder nach Wegen, den geforderten Gehorsam zu umgehen. Er wollte Macht für sich selbst. Stärke.

Es begann damit, dass er kleinere Dinge stahl, die anderen Kindern wichtig waren. Er begann, Streitereien und Prügeleien anzuzetteln und lehnte die Anweisungen der Erzieherinnen des Waisenheimes offen ab. Die Disziplinarmaßnahmen ließ er über sich ergehen. Er wusste, aus jeder von ihnen ging er stärker hervor. Sie züchtigten ihn, doch sie erreichten ihn nicht. Er wurde vom Unterricht ausgeschlossen, in sein Zimmer gesperrt und erhielt Tage- oder wochenlang Hausarrest. Mikael schmiedete in dieser Zeit Pläne, wie er endlich frei wurde. Vielleicht konnte er sich einer Miliz anschließen. Es war ihm egal, dass er erst elf Jahre alt war. In der Miliz konnte er frei sein und kämpfen, wie er es Stjephan versprochen hatte. Für Kroatien. Für die Freiheit. Er musste nur aus diesem Waisenhaus entkommen.

Die Dämmerung brach herein und Mikael schlenderte aus der Stadt zurück. Er wollte erst beim Waisenhaus sein, wenn es dunkel war und dann durch das Fenster an der Rückseite des Gebäudes klettern. Dann wäre er morgen früh in seinem Zimmer, wenn die Schwestern ihn weckten und niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Doch die Straße aus dem Ort heraus zum Waisenhaus, das etwas abgelegen auf einem Hügel stand, war lang und dunkel und manchmal fürchtete Mikael sich, wenn die Bäume im Wind raschelten und mit einander zu flüstern schienen. Manchmal glaubte er, sie redeten über ihn. Dann lief Mikael immer etwas schneller um den Stimmen zu entkommen, die aus den Schatten kamen.

Auch an diesem Abend überkam ihn ein fröstelndes Gefühl und er zögerte kurz. Vielleicht reichte es auch, wenn er am nächsten Morgen kurz vor Sonnenaufgang zurückkehrte. Das Frühgebet begann um 6 Uhr und bis dahin waren es noch viele Stunden. Andererseits war er müde und nicht sicher, ob er den Weg mitten in der Nacht auch wirklich fand. So setzte er zögernd einen Fuß auf den anderen, sah nervös in die Äste der Bäume. Sein Herz raste und er begann zu laufen. Er war ein Angsthase und er war froh, dass Stjephan nicht wusste, wie sehr er sich fürchtete. Er hätte ihn sicher ausgelacht.

Mit einem Mal hörte er Schritte hinter sich. Große, schwere Schritte. Dann ein Knurren. Mikael sah nach hintern und blickte in die dunklen Augen eines riesigen Wolfes. Noch nie hatte er ein derart riesiges Tier gesehen, obwohl er wusste, dass es in diese Wäldern am Rande von Zagreb Wölfe gab. Er hörte nachts manchmal ihr Heulen. Doch niemals hatte er sich die Wesen dazu derart furchterregend vorgestellt. Eher… mystisch. Kraftvoll.

Das interessierte den Wolf vor ihm aber kein bisschen. Mikaels Angst schien ihn eher anzuziehen. Er schrie auf, stürzte nach vorn und fiel in seiner Panik hin. Alte Geschichten von Monstern, die kleine Jungen fressen, kamen ihm in den Kopf und wie Stjephan ihn immer beruhigt hatte, wenn er aus einem Alptraum aufgewacht war. Er wünschte sich so sehr, aufzuwachen.

Er kam nicht mehr dazu, sich aufzurappeln, der Wolf war schneller. Mikael wimmerte und begann zu weinen. Ich sterbe, dachte er in blanker Panik. Vergib mir, Stjephan, ich habe es nicht geschafft. Ich bin nicht stark. Ich bin schwach und klein und habe entsetzliche Angst.
Er sah den großen Wolf über sich, dessen Augen dunkel und gierig waren und dessen Knurren in seinen Ohren dröhnte als sei es das einzige Geräusch der Welt. Dann war da nur noch Schmerz und Blut und brechende Knochen und die Nacht versank in Dunkelheit.

-

Als Mikael zu sich kam, wusste er nicht, wie er hier her gekommen war. Er lag in einem mit sauberen, weißen Laken ausgekleidetem Bett, das leicht nach Kernseife roch. Er wollte sich umdrehen, zuckte aber vor Schmerz zusammen und schlug erschrocken die Augen auf. Was war mit ihm passiert? Angst überkam ihn und er begann zu weinen ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können.

„Shhht, kleiner Mikael. Du wurdest von einem Hund gebissen letzte Nacht. Wir fanden dich vor dem Tor heute Morgen. Du hast viel Blut verloren. Hab keine Angst. Es ist alles gut. Die Wunde wird heilen und bald sieht man davon nichts mehr. Der Hund war fort, wir haben ihn nicht gesehen.“ Schwester Jalinka saß an seinem Bett, wie er erst jetzt bemerkte. Er schämte sich seiner Tränen und trocknete sie verlegen ab. Schwester Jalinka strich ihm durch das Haar, das mal wieder hätte geschnitten werden müssen.

„Ich habe dir eine heiße Brühe gemacht. Die hilft bei dem Blutverlust. Ruh dich aus, Schlaf ist deine beste Medizin. Du brauchst viel Ruhe.“
Mikael bekam viel Brühe, viel Schlaf und viel Ruhe. Die Wunden schlossen sich schwer, aber sie taten es. Es dauerte Tage, bis er sich aufsetzen konnte. Dennoch ging es ihm nicht besser. Er fühlte sich schwach und krank und die Schwestern vermuteten schon eine Vergiftung oder eine Krankheit, die der Hund übertragen haben könnte. Mikael schlief viel und merkte nicht, wie der Vollmond näher und näher rückte.

Drei Wochen lag er auf der Krankenstation, trank Brühe und wimmerte vor Schmerzen. Die Knochenbrüche hielten ihn vom Schlaf ab, Alpträume in der Nacht ließen ihn aufschrecken. Wieder und wieder sah er den Wolf vor sich, spürte er dessen Zähne an seinem Hals, roch er dessen heißen Atem. Jedes Mal erwachte er schreiend und mit mehr Schmerzen als zuvor. Es wollte einfach nicht heilen.

Der herannahende Mond machte alles noch schlimmer, ohne, dass Mikael wusste, woran es lag. Doch sein Körper spürte es. Und als die Nacht gekommen war, wurde Mikael unruhig. Seit einigen Tagen hatte er nur schwer schlafen können. Sein Körper fühlte sich anders an als zuvor, doch er konnte nicht sagen, was genau sich verändert hatte. Wieder und wieder blickte er abends aus dem großen Fenster, ohne zu wissen, wonach er suchte. Heute Nacht wusste er es plötzlich: der Mond. Es war wie eine Eingebung. Der Mond rief ihn zu sich. Wieso Mikael das wusste und es nicht einmal hinterfragte, konnte er selbst nicht sagen. Er sprach mit niemandem darüber. Die Schwestern hätten ihn sicher für solchen Unfug wieder gezüchtigt oder den Mund mit Seife ausgewaschen.

Die Nacht war sternenklar, als er das Waisenhaus durch den Hinterausgang verließ. Niemand hatte ihn aufgehalten, als habe niemand bemerkt, dass er sich davon gestohlen hatte. Das lange Liegen hatte seinen Körper geschwächt, doch es zog ihn weiter, fort vom Haus. Der Mond rief ihn in Richtung Wald und Mikael folgte dem Ruf.

Dann erklomm der Vollmond gleißend hell die Wipfel der Bäume und Mikael sank mit einem Ausdruck des Grauens und schreiend vor Schmerzen auf die Knie. Als er vornüber fiel, sah er, dass er keine Finger mehr hatte. Seine Hände waren geschrumpft und mit Fell überwachsen, das sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Seine Gliedmaßen brachen und setzten sich neu zusammen und Mikael verlor die Besinnung vor Schmerz und Angst.

Als er wieder zu sich kam, war die Welt eine andere. Sie roch anders, sie klang anders, sie sah anders aus. Noch nie hatte er in der Nacht so viel erkennen können. Er hörte jedes leiseste Rascheln von Gras, spürte jeden noch so winzigen Windhauch, roch das Gras und die Erde und den Geruch der Menschen, der zu ihm herüber wehte. Er sah zu dem Waisenhaus und merkte erst jetzt, dass er auf vier Beinen stand. Er fühlte sich auch nicht mehr schwach, sondern stark. Stark und frei. Er legte den Kopf in den Nacken und heulte seine neue Freiheit, sein neues Leben in die Nacht. Mikael Gromow war ein Werwolf geworden und obwohl er das in diesem Moment selbst noch nicht wusste, war ihm klar, dass in diesem Moment sein Leben eine dramatische Wende nahm.

Er wandte sich um und lief in den Wald. Kleine, schnelle, leichtfüßige Schritte. Es machte Spaß, so zu laufen. Er sprang vor Freude ein paar Mal in die Luft, wälzte sich im Gras und verschwand in der Nacht.

-

Am nächsten Morgen war alles vorbei. Frierend und zitternd lag er auf einer Wiese. Sein ganzer Körper schmerzte, doch nicht von den Verletzungen, sondern von der Anspannung der Kälte und der Müdigkeit. Er hatte nur unklare Erinnerungen an die letzte Nacht und fragte sich, ob er das nicht doch alles nur geträumt hatte. Es musste so sein. Sicher lag er in einem Fiebertraum gefangen noch immer auf der Krankenstation. Todmüde schleppte er sich zurück und schlief zwei Tage komplett durch.

Als er am dritten Tag erwachte, fühlte er sich tatsächlich erholt und die Erinnerungen an die Nacht waren soweit verblasst, dass es wohl nur ein Traum gewesen sein konnte. Die Schwestern sprachen von einem Wunder und entließen ihn am darauffolgenden Tag.

-

Die Veränderungen fielen zunächst nicht direkt auf. Doch mit der Zeit konnte Mikael nicht die Augen davor verschließen, dass sich etwas an ihm verändert hatte. Wenn er hinfiel, heilten die Schürfwunden binnen weniger Stunden gänzlich ab – und es schien immer schneller zu gehen. Wenn er etwas Schweres hob, schien es ihm leichter als vor der ominösen Nacht zu fallen. Beim Laufen war er plötzlich Klassenbester. Und wenn er mit anderen Kindern Streit hatte, was oft vorkam, war nun er es, der den Streit für sich entschied. Nach wenigen Wochen wagte es niemand der Kinder oder Jugendlichen mehr, sich gegen ihn zu stellen. Ihn zu verhöhnen oder ihm Streiche zu spielen. Je mehr Vollmonde kamen und gingen, desto mehr Sicherheit gewann Mikael in seiner neuen Doppelgestalt. Er wusste, in ihm wohnte eine neue Kraft, die niemand sonst besaß. Diese neue Kraft machte ihn unbesiegbar. Genau, wie Stjephan gesagt hatte. Er war der stärkste Junge von allen.

Schon bald wurde er der Anführer einer Bande, die die Regeln im Waisenhaus bestimmte. Die Hierarchien waren klar geregelt und wer neu war, musste sich fügen. Die Schwestern, die das Waisenhaus leiteten, hatten keine Chance. Sie versuchten sich an Disziplinarmaßnahmen, doch sie hatten immer weniger Erfolg damit. Mikael begriff, dass Kraft und Stärke Sicherheit bedeuteten. Er erhielt keine Schläge mehr, keine Kniffe und Tritte der anderen, sie überließen ihm die beste Matratze im Schlafsaal. Er hatte gelernt sich zu wehren und Kraft bedeutete Respekt. Und je älter er wurde, je deutlicher seine Figur vom kleinen, elfjährigen, verängstigten Jungen zu einem Heranwachsenden reifte, der aus enormer Kraft und Muskeln zu bestehen schien, desto mehr lernte Mikael die Einsamkeit kennen. Er war nicht wie die anderen. Niemand war wie er. Bis eines Tages Elias kam.

Elias war gerade sechs Jahre alt, als er ins Waisenhaus kam. Er sprach nicht und schien Schreckliches erlebt zu haben. Er weckte auf nie dagewesene Art und Weise Mikaels Beschützerinstinkt. Er brach einem Jungen beide Arme, der versucht hatte, Elias in einem Schweinetrog zu ertränken, bis dieser aufgeben sollte. Einem anderen rasierte er nachts den Schädel kahl, der Elias an den Haaren zurück gehalten und ihm dabei ein großes Büschel grob ausgerissen hatte.

Dennoch weinte Elias viel und Mikael wusste kein Heilmittel gegen Tränen. Mikael bemerkte, dass er die Angst, die Freude oder Wut des Jungen riechen konnte. Das irritierte ihn. Er ging sicherheitshalber auf Abstand zu Elias, durchstreifte nachts die Wälder und entdeckte, dass die Nacht sein Freund geworden war. Er konnte alles hören, sehen und riechen, wo normale Menschen blind und taub waren. Er war stärker und schneller als jeder seiner Brüder des Waisenhauses. Und er hatte keine Erklärung dafür, was in den Vollmondnächten mit ihm passierte.

Ein Jahr verging und ein neues Jahr brach an. Es wurde März, die Luft wurde wieder wärmer und die Unruhen im Land tobten immer noch. Nach einer weiteren Vollmondnacht, die Mikael im Wald verbracht hatte, kehrte er im Morgengrauen zurück. Nichts verriet mehr den kleinen, hilflosen Jungen in ihm, der er vor vier Jahren gewesen war. Er war groß gewachsen, mit dunklen Haaren und grauen Augen, die je nach Stimmungslage fast schwarz werden konnten. Sein Kreuz war breit und sein Körper drahtig und trainiert. Seine Kleidung war oft zerrissen oder löchrig, er lief meistens barfuß und hatte immer die gesamte Umgebung aufmerksam im Blick. So entging ihm auch nicht das hastige Zuziehen des groben Gardinenstoffs an dem Fenster, an dem Elias‘ Bett stand. Als er in den Schlafsaal trat, sahen sie ihn alle schweigend an.

„Du bist ein Monster“, sagte Tomas, einer der Jungen, die älter waren als Mikael. „Wir haben alles gesehen, Gromow. Du bist ein Monster!“
Mikael spürte, wie er blass wurde. Dann wütend. Was dachten sie sich eigentlich? Seine Augen wurden dunkel, als er das Bettende umfasste. „Ihr habt gar nichts gesehen!“, sagte er wütend und merkte nicht, wie sich ein leises Knurren in seine Stimme schlich. „Sag das noch einmal, Tomas, und ich werfe dich aus dem Fenster!“

Tomas blieb erstaunlich ruhig und schüttelte den Kopf. „Dann schmeißen sie dich hinterher. Was hast du dann davon?“

„Willst du mir drohen? Was wollt ihr denn gesehen haben? Und wer soll euch glauben?!“

„Du gibst es also zu? Du bist ein Tier, Gromow! Ein Tier!“

Brüllend stürzte Mikael nach vorn, direkt auf Tomas zu, packte ihn an den Schultern und warf ihn quer durch den Raum. Seine Augen glühten schwarz. Ächzend versuchte Tomas, wieder hoch zu kommen und hielt sich den blutenden Kopf.

Mikael ging zu ihm und trat ihm zwischen die Schulterblätter. Es krachte bedenklich.

„Nenn mich noch einmal Tier und ich sorge dafür, dass du nur noch krabbeln kannst!“, knurrte er ihm drohend zu und ließ von ihm ab. Die anderen sahen ihn erschrocken und entsetzt an. Ablehnung traf ihn, Wut und Angst. Niemand sagte ein Wort, doch Mikael wusste, er konnte hier nicht länger bleiben. Er sah ein letztes Mal zu Elias, der ihn aus großen, ängstlichen Augen ansah. Dann dreht er sich um und verließ den Schlafsaal und das Waisenhaus. Er nahm Kurs auf den Wald. Das Waisenhaus war nicht länger sein Zuhause. Er war kein Tier. Er war Mikael Gromow. Er war der Stärkste von allen. Und sie akzeptierten ihn nicht mehr. Nannten ihn Monster. Sie hatten alles gesehen. Hier war er nicht mehr sicher.

Er begann zu laufen und fand sich plötzlich auf allen Vieren wieder. Er hatte die Verwandlung überhaupt nicht gemerkt. Irritiert sah er nach oben. Der Vollmond war längst unter gegangen, die Sonne begann über den Horizont zu klettern. Dennoch war er ein Wolf geworden. Er blieb stehen, drehte sich um sich herum und heulte freudig auf. Er war nicht an den Vollmond gebunden, er konnte jederzeit seine Gestalt wechseln. Wut und Enttäuschung wichen zurück, ein neues Gefühl der Stärke und Entschlossenheit traten an ihre Stelle. Er war Mikael Gromow, ein Werwolf. Er war anders als alle anderen. Er war frei. Er war frei und niemand würde ihn mehr aufhalten.
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...tbc
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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Ayrina » Do 19. Okt 2017, 20:27

Wow, sehr tolle Geschichte. Und es ist sehr spannend, mal die Anfänge von ihm zu lesen. Das macht ihn noch greifbarer und viele seiner Handlungen nachvollziehbarer.
Hartes Schicksal, was er da hatte. Dass ich den Char sahr mag, brauch ich dir ja sicher nicht zu sagen. :tüte:
Sehr toll. Ich hoffe, da kommt noch mehr :D

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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Cassiopeia » Do 19. Okt 2017, 20:42

Danke dir :knuff:

Hat sich quasi von selbst geschrieben :D Dass er diese Stärke von seinem Bruder hat, gefiel mir irgendwie. Sein Problem, sich anderen unterzuordnen, hat er also schon seit er elf ist - ebenso wie die Meinung, stärker als alle anderen zu sein. Darum ist er auch kräftig auf die Nase gefallen :P

Aber das komm im zweiten Teil, den will ich auf jeden Fall noch schreiben :nick:
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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Ayrina » Do 19. Okt 2017, 20:44

Ich bin sehr gespannt. :D

Ja, das glaube ich dass er damit auf die Nase gefallen ist. :lool:

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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Cassiopeia » So 13. Jan 2019, 02:04

Schon lange will ich diese Story zu dem jungen Mikael weiter schreiben. In den letzten Tagen nun habe ich es geschafft - doch es ist sicher nicht der letzte Teil, der will erst noch erzählt werden.
Hier nun die Zeit von Mikaels erstem Rudel und seinem erneuten Aufbruch Richtung Norden.



Wolfspfade II – nach Norden [Mikael Gromow]

Mikael lief. Zwei Monate waren vergangen seit seinem Ausbruch aus dem Waisenhaus in Zagreb. Er hatte Straßen und Städte passiert, die Donau überquert und Höhenzüge erklommen und hinter sich gelassen. Es war ein Rausch der Freiheit und Stärke. Kroatien hatte er längst verlassen. Nun näherte er sich einem riesigen Waldgebiet nordwestlich von Bratislava.

Mikael mochte den Wald. Er spürte, dass er hier her gehörte. Ein nie gekanntes Gefühl von Ruhe empfing ihn, als er seinen Kopf auf die Pfoten legte, gebettet auf uraltes Moos unter schattenspendenden Bäumen.

Eine Berührung weckte ihn. Sie war nicht sanft gewesen, aber auch nicht rau. Es war die erste Berührung seit zwei Monaten, die er erfuhr du sie ließ ihn keuchend aus dem Schlaf aufschrecken. Er blickte in zwei graue, fremde Augen. Als er an sich herab sah, erkannte er zu seinem Entsetzen, dass er sich im Schlaf halb verwandelt hatte: Kopf und Oberkörper gehörten dem Jungen, doch die Beine gehörten dem Wolf in ihm. Er sah wieder zu dem Mann vor sich und erkannte, dass dieser nicht alleine war. Panik ergriff ihn. Sie hatten ihn gesehen. Sie hatten gesehen, wer er war. Was er war. Ein Monster. Ein Wolf. Ein Tier.

Er versuchte, nach hinten zu kriechen, doch da war nur der Baum. Plötzlich fühlte er sich genauso, wie ihn die anderen Kinder ihn verspottet hatten. Plötzlich war er nicht mehr Mikael Gromow, der stärkste Junge der Welt. Der freie Junge. Der freie Wolf. Plötzlich war er nur noch Mikael. In einem fremden Wald vor fremden Menschen, halb gefangen in seiner Verwandlung, aus der er in seiner Panik nicht herausfand.

„Ist ja gut“, sagte eine Frau und trat neben den Mann. Sie hatte graues Haar zu einem lockeren Zopf zusammen gebunden, trug eine wollende Strickjacke und einen warmen Ausdruck in den Augen. „Ist ja gut, kleiner Welpe. Hab keine Angst. Wir sind wie du, weißt du.“

Sie ging vorsichtig noch einen Schritt vor. Niemand der anderen Männer und Frauen, es waren ungefähr sieben, sagte etwas. Mikael zitterte und versuchte noch immer, seine Beine unter seinem Körper zu verstecken, die grau und pelzig waren und verformt.

„Sieh mich an, Welpe“, sagte die Frau und Mikael versuchte es. Dann geschah etwas, was ihn seine Angst vergessen ließ: aus der Frau wurde eine Wölfin. Ihre Verwandlung war das Schönste, was Mikael je gesehen hatte. Anmutig und voller Stolz. Ihr Fell war hellgrau und lang und Mikael entwich ein Laut, der erschreckend nach einem Fiepen klang.

Sie stand einfach da und ließ ihn sehen, wer sie wirklich war. Mikael hatte sich noch die gefragt, wie er als Wolf wohl aussah. Wie es aussah, sich zu verwandeln.

„Kannst du… zurückkommen?“, fragte er zögernd und traute sich nicht einmal zu blinzeln aus Angst, den Moment zu verpassen. Dann stand sie wieder vor ihm, die Frau, die Freiheit und Stärke ausstrahlte. Sie war wie er.

„Ich bin Inga“, sagte die Frau und lächelte freundlich. „Das ist mein Leitwolf und Gefährte Kast. Und das“, sie deutete auf die Männer und Frauen hinter ihnen, „ist unser Rudel. Wie kommt es, dass du kein Rudel hast? Wer hat dich gebissen, Welpe?“

Plötzlich kam die Angst zurück. Das Zittern. Er erinnerte sich an die Nacht, an den Schmerz, an das Heulen. Es war das pure Grauen gewesen.
„I-ich weiß es n-nicht“, brachte er stockend hervor. „I-ich wäre fast verblutet.“ Beschämt sah er zu Boden, als er einen Fluch des bisher stummen Mannes neben Inga hörte, der Kast sein musste.

„So ein Bastard! Ein Kind zu beißen!“ Für einen Augenblick glommen Kasts Augen schwarz auf. Dann waren die Augen wieder grau, wenn sie auch dunkler als zuvor erschienen.

„Es ist nicht deine Schuld“, sagte Inga sanft. „Du lebst, das ist das Wichtigste. Du bist ein junger Wolf, ohne Rudel und ohne Schutz. Weißt du, wie man jagt? Wie du den Schattenjägern entkommst? Den Feenfallen?“

Mikaels Augen wurden groß, als er seinen Kopf schüttelte. All das waren fremde Worte für ihn – Rudel, Schattenjäger oder die Feen. Und wieso nannten sie ihn Welpe? Er war schon fünfzehn und niemand war wie er! So hatte er bisher geglaubt.

Doch hier standen sie und sagten, sie waren alle wie er. Er hatte es bei Inga gesehen. Er hatte das Knurren in Kasts Stimme gehört, das er von sich selbst kannte. Und, wenn er es sich eingestand, erkannte er es an ihrem Geruch. Sie rochen nicht menschlich. Nicht nur.

„Siehst du. Du musst noch viel lernen. Komm mit uns.“

Mikael wollte schon aufspringen und zustimmen. Doch dann zögerte er. Wenn sie waren, wie die anderen im Waisenhaus? Wenn sie ihn mit Schlägen und Tritten behandelten, mit Essensentzug und Einsperren? Wieder wich er an den Baum zurück.

„Wie heißt du?“ Mikael sah überrascht auf, es waren die ersten Worte, die Kast an ihn richtete. Er klang streng und freundlich zugleich, was Mikael verwirrte.

Er zögerte wieder, dann flüsterte er leise seinen Namen.

Kast nickte. „Mikael. Ich habe einen Vorschlag für dich: unser Lager ist nicht weit von hier. Wir ziehen uns dorthin zurück. Wenn du soweit bist, bist du jederzeit willkommen. Ich verspreche dir, niemand wird dir etwas antun. Wir nehmen dich in unser Rudel auf. Das ist unsere Familie. Wir passen auf einander auf. Wir beschützen einander. Wir können dir zeigen, wie es ist, ein freier Wolf zu sein. Die Entscheidung liegt bei dir.“
Damit trat er einen großen Schritt zurück in die Dunkelheit der Nacht, die inzwischen angebrochen war. Mikael sah ihn verwirrt an. Die Männer und Frauen, die ihm als das Rudel vorgestellt worden waren, traten ebenfalls zurück.

„Du wirst uns finden, junger Wolf.“ Damit verwandelte Kast sich und die anderen taten es ihm gleich. Sie wandten sich um und liefen durch den Bäumen hindurch, vollkommen lautlos. Mikael sah ihnen noch lange nach und versuchte zu begreifen, was geschehen war.

Die Nacht war weit voran geschritten, als er sich vorsichtig ihrem Lager näherte. Ein Feuer brannte auf einer Lichtung, darum herum saßen einige Männer und Frauen, anderen lagen im Gras in Wolfsgestalt. Es war schwer gewesen, den Weg zu finden. Bis Mikael den Geruch gefunden hatte und diesem gefolgt war, war viel Zeit vergangen. Er hatte nicht gewusst, dass er einem Geruch folgen konnte.

Im Schatten der Bäume verwandelte er sich – dieses Mal vollständig – wieder in den jungen Mann von fünfzehn Jahren. Seine Haare hingen ihm schwarz in die Stirn und ein wenig in die Augen, seine Kleidung war dreckig und in sehr schlechtem Zustand. Kaum mehr als Lumpen.
Er erkannte Inga und Kast am Feuer. Inga wollte bereits aufstehen, doch Kast hielt sie zurück und sagte etwas, das Mikael nicht verstand. Widerwillig setzte Inga sich und Mikael verstand. Er musste zu ihnen kommen.

Das Feuer kam ihm ungeheuer hell vor. Es roch nach Zedernholz und Tannenkiefern und knackte geheimnisvoll. Mikael hatte sich noch nie in seinem Leben so beobachtet gefühlt wie in diesem Moment, als er, erleuchtet vom Feuerschein, auf Inga und Kast zuging und sich kleiner als ein Kind fühlte.

Kasts Augen ruhten abwartend auf ihm, während Inga lächelte. Sie schien das oft zu tun, wie ihm ihre Falten an den Augen verrieten. Wenn sie lächelte, dann tat sie es mit ganzer Seele.
„Willkommen, Mikael. Schön, dass du den Weg zu uns gefunden hast. Hast du Hunger?“

Mikael nickte. Er war am Verhungern. Erst jetzt bemerkte er den würzigen Geruch von einem Nebenfeuer, über dem ein junges Wildschwein gebraten worden war. Kast stand wortlos auf und kehrte mit einer ordentlichen Portion zurück.

„Iss. Dann reden wir.“ Er schien ein wortkarger Mann zu sein, doch seltsamer Weise strahlte er ein Vertrauen aus, das Mikael sofort aufnahm. Kast verkörperte Stärke und Ruhe. Mikael bewunderte ihn schon jetzt.

Erstaunt setzte Mikael sich auf den umgestürzten Baumstamm, der als Sitzbank diente. Das Fleisch war köstlicher als alles, was Mikael je gegessen hatte. Wortlos wie zuvor holte Kast ihm eine zweite Portion und endlich hatte Mikael das Gefühl, seit sehr langer Zeit richtig satt geworden zu sein.

„Danke“, brachte er schließlich hervor, als er auch das letzte Stück Fleisch verspeist hatte. Unsicher sah er sich um. „Ihr… lebt hier?“ Menschen, die im Wald lebten? Die Schwestern des Waisenhauses hätten nun sicherlich allerlei zu dieser Art Leben zu sagen. Mikael brachte es zum Staunen. Diese Menschen waren wirklich frei.

„Seit vielen Jahren“, antwortete Inga. „Uns geht es sehr gut hier. Wir sind eine Familie und haben alles, was wir brauchen. Weiter hinten wirst du eine Höhle finden, in der wir alle Platz haben. Wir jagen unser Essen, wir haben Feuer, Wald und Freiheit. Mehr brauchen wir nicht.“

Mikael konnte all das kam glauben. „U-und ich… kann mit euch hier leben?“ Hatte er das wirklich richtig verstanden?

Ingas Lächeln wurde zu einem Strahlen. „Aber ja! Es wäre uns eine Freude!“

Kast behielt seine Freude für sich. „Wenn du bleibst, gibt es ein paar Regeln, an die du dich halten solltest. Schaffst du das, kommen wir gut mit einander aus.“

Regeln. Mikael hasste Regeln. Misstrauisch sah er zu Kast. Hatte er sich vielleicht doch getäuscht?
„Was für Regeln?“

„Du bist neu und jung, also wirst du unter besonderen Schutz gestellt. Lerne zu jagen, zu kämpfen und das Leben im Rudel als Einheit. Niemand beansprucht eine Beute für sich allein, es wird alles geteilt. Keine Alleingänge für dich. Konflikte werden nicht mit Gewalt ausgetragen, sondern mit Worten. Kommst du damit klar, haben wir kein Problem.“

Mikael war sich nicht sicher, ob er das schaffen würde. Er hatte sich im Waisenhaus mit Gewalt gerettet und seine Stärke gezeigt. Doch er begriff ebenso, dass er diese Leute brauchte. Er würde die Regeln annehmen müssen, wenn er von ihnen lernen wollte, was es hieß, ein richtiger Wolf zu sein.

Langsam nickte er.

Kast nickte ebenfalls. „Gut. Fangen wir mit einer einfachen Frage an: weißt du, was du jetzt bist?“

*

Ein Werwolf zu sein bedeutete weit mehr, als auf vier Beinen in Wolfgestalt durch den Wald zu laufen, wie Mikael schnell begriff. Er lernte schnell, Gerüche zu erkennen und zu unterscheiden, Spuren zu lesen und die Tierstimmen des Waldes. Und er lernte zu töten. Ein Kaninchen zu fangen war schwerer als gedacht, doch als er das erste Mal das warme Blut schmeckte, spürte er einen nie gekannten Drang nach mehr. Er wurde geschickter, besser, schneller. In der Jagd und im Kämpfen. Mit Zähnen und Klauen zu kämpfen war schwer, doch zu wissen, dass die Verletzungen, seine eigenen und die seines Gegners, binnen Minuten wieder heilten, half, die Zurückhaltung gegenüber dem weit größeren und erfahreneren Wolf abzulegen. Er erntete Anerkennung für seinen Mut im Kampf und traute sich mehr und mehr, seine vollen Kräfte, die er als Wolf besaß, einzusetzen. Er wurde stärker, körperlich und mental.

Alles, was mit der Unterwelt oder Nephilim zu tun hatte, sog er in sich auf. Alles Wissen, alle Legenden. Es war, als lebe er in einem Märchen und er zweifelte keinen Augenblick daran, dass all dies der Wahrheit entsprach, obwohl er bisher weder einem Schattenjäger, noch einem Vampir oder Feenwesen begegnet war.

Er unternahm erste Jagdausflüge und Erkundungsgänge allein, brachte mal einen Hasen oder eine Wildgans mit oder fraß sie doch ganz allein. Seine Streifzüge wurden ausdehnender und dauerten nicht selten mehrere Stunden. Er suchte. Wonach er suchte, konnte er nicht sagen, doch es zog ihn immer wieder, immer öfter fort vom Rudel. Aus dem schlacksigen Fünfzehnjährigen wurde ein athletischer, muskulöser Sechzehnjähriger, der mit den familiären Regeln des Rudels immer mehr Schwierigkeiten hatte.

Er mochte es nicht, das, was er selbst erbeutet hatte, mit allen zu teilen. Er mochte die ewigen Diskussionen nicht, statt Klarheit durch Stärke zu schaffen. Kast war ein Mann der Ruhe und der Diplomatie. Er verabscheute Gewalt.

Mikael war mit Gewalt groß geworden. Gewalt hatte ihn stark gemacht. Zum stärksten Jungen des Waisenhauses. Es fiel ihm immer schwerer, sich zurück zu halten. Er wollte zeigen, wie stark er war. Das konnte er nicht mit Worten.

So geriet er immer öfter in Konflikte. Provozierte, forderte heraus. Wollte sich beweisen, der Drang nach Anerkennung wuchs beständig. Der Wunsch nach Zugehörigkeit kollidierte immer mehr mit dem Befolgen der Regeln, die es dafür brauchte. Mikael wurde aggressiver, launischer, fühlte sich eingesperrt und gemaßregelt. Alles war wieder wie damals im Waisenhaus. Bis der Tag kam, an dem er es nicht mehr aushielt.

Es war ein langer Sommer gewesen, der sie alle auf die Probe gestellt hatte. Der Bach war zu einem schmalen Rinnsal geworden und nicht immer war die Jagd erfolgreich gewesen, sodass sie sich mit deutlich weniger Beute hatten begnügen müssen als gedacht. Das, was erbeutet worden war, hatte erst Recht geteilt werden müssen, damit genug für alle da war.

Eine Tatsache, die Mikael nur schwer akzeptieren konnte. Warum konnten sich die anderen nicht selbst etwas jagen? Warum musste immer alles so furchtbar harmonisch und gerecht zugehen? Warum stand nie jemand auf und sprach sich dagegen aus?

Mikael begann, die Regeln der Gemeinschaft absichtlich zu umgehen. Er aß seine Beute alleine ohne zu teilen. Er machte höheren Rudelmitgliedern den Schlafplatz streitig, der besser geschützt lag, bis sie ihn ihm überließen, wenn er sich in einem kurzen Kampf mit seiner körperlichen Stärke durchgesetzt hatte. Die anderen Mitglieder begannen ihn zu meiden und senkten die Stimmen, sobald er in der Nähe war. Er stritt mit Inga, die ihm Vernunft einreden wollte. Er erwiderte Kasts wütendes Knurren mit einem Blick, der nicht mehr dem hoch dankbaren, nach Anerkennung sehnenden Jungen entsprach, sondern vor neuem Selbstbewusstsein strotzte.

Er hatte alles gelernt, was sie ihm beibrachten. Er musste sich nicht hinter ihnen verstecken. Und doch blieb er am Ende der Rudelgemeinschaft. Er habe noch viel zu lernen, sagten sie. Er sei noch zu jung. Mikael hatte eine entschieden andere Meinung. Doch was er auch tat, es bewirkte das Gegenteil. Statt Anerkennung und Aufstieg im Rudel erntete er Misstrauen und Ablehnung.

Es war der letzte Vollmond im Oktober. Mikael liebte den Vollmond, er hatte gelernt, dass in dieser Nacht seine Sinne besonders geschärft waren, sein Wolf besonders stark war. Der Mensch Mikael Gromow existierte nur noch als kleiner Gedanke, während der Wolf die Kontrolle übernahm. Und der Wolf forderte seine Freiheit von den Regeln des Rudels, der Eintönigkeit des Lebens auf der Waldlichtung.

Als der Mond voll und rund aufging, heulte Mikael zur Begrüßung der Nacht und lief los in dem Wissen, dass es in dieser Nacht keine Rückkehr geben würde. Er lief Richtung Norden durch den Wald mit dem festen Ziel, Russland zu erreichen, vielleicht sogar eines Tages die Grenze zu Finnland. Seine Zeit in diesem Rudel war vorbei. Er musste weiter ziehen, wenn er seine Freiheit finden wollte. Wenn er wusste, wonach er suchte und wohin diese Suche ihn führen würde. Dann, erst dann konnte er inne halten und Ruhe finden. Wenn er der geworden war, den Stjephan in ihm gesehen hatte: der stärkste Junge der Welt.
Die Wirklichkeit ist nur etwas für Menschen, die mit Büchern nichts anfangen können.

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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Ayrina » Di 15. Jan 2019, 09:47

Ich les echt gerne von Mikael und gerade die Anfänge finde ich so ungemein spannend :D
Toll geschrieben und ich will mehr. Bitte!!

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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Cassiopeia » Di 15. Jan 2019, 09:59

Danke :knuff: :D

Ich mag ihn auch sehr und seinen komplexen Charakter. Mal sehen, wohin die Reise führt, bis er auf Fynn trifft :hehe:
Die Wirklichkeit ist nur etwas für Menschen, die mit Büchern nichts anfangen können.

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Re: Wolfspfade - Wege des Mikael Gromow

Beitrag von Ayrina » Di 15. Jan 2019, 10:16

hehe, ich werde gespannt weiterlesen :D

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